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Liebe Leserinnen und Leser!

Der jüdische Maler Marc Chagall hat diesem Bild den Titel gegeben: „Heilige Familie“. In der Bildmitte sehen wir das Gesicht der Mutter Maria. Sie blickt uns mit weit aufgerissenen Augen an. Sie ist offensichtlich entsetzt über das, was sie vor sich sieht. Im Auge, das im Dunkeln liegt, können wir eine Träne erkennen.

Maria gleicht hier den vielen Müttern, die Chagall in großer Not zeichnet. Stehen ihr die Flucht nach Ägypten oder die wohl härtesten Stunden der Verurteilung und der Kreuzigung vor Augen? In ihren Armen hält sie ihr Kind fest, doch so als müsste sie es jeden Moment wieder loslassen. Es sieht fasst so aus, als reiche sie es uns als Geschenk. Joseph steht über beiden. Nach jüdischem Denken kommt dem Mann die Rolle des Beschützers und Hüters der Seinen zu. Er versucht seine Familie zu beschützen, aber es scheint, dass ihm das nicht wirklich gelingt. In seiner Ohnmacht schließt er die Augen.

Doch das Bild macht auch Hoffnung: Rechts neben der Familie ist ein Esel mit einer brennenden Kerze zu sehen. Chagall hat sich selbst oft als Esel in seine Bilder gemalt. Er verstand sich als einer, der den Menschen ein Licht bringen will, das ihre Dunkelheit ein wenig heller macht. Die Kerze durchbricht die Finsternis. Sie nimmt das Gelb aus Jesu Gesicht auf. Sie nimmt den auf, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ (Joh. 8, 12). Dieses Licht spiegelt sich im Eselskopf, also im Gesicht des Künstlers – und schenkt Hoffnung und innere Kraft.

Rechts unten sitzt ein Mann, der eine Bibelrolle mit beiden Armen fest umschlungen hält. Damit werden wir hingewiesen auf den Gott, der durch sein Wort zu uns spricht, gerade auch, wenn wir schwach sind und ohnmächtig und verzweifelt.

An der linken Seite, dicht bei der Familie, ist Jesus am Kreuz gemalt. Sein einer Arm ist ganz weit über die Familie ausgestreckt. Der Jesus, der hier am Kreuz hängt, ist ganz schwach und ohnmächtig geworden. Und doch: Sein Arm ist ausgestreckt über die angsterfüllten und ohnmächtigen Menschen. Dieser Arm sagt: Ich kenne eure Schwachheit. Ich bin selbst ganz schwach geworden. Aber seid getrost: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Das Kreuz gehört zu unserem, es gehört zum Leben der Juden. Jesus trägt um seine Lenden den jüdischen Gebets-Schal. Jeder Jude legt ihn zur gottesdienstlichen Sabbatfeier in der Synagoge um. Chagall stellt so den leidenden Jesus als einen betenden Juden dar. Gleichzeitig sehen wir über dem Kopf des Gekreuzigten den christlichen Heiligenschein. Der leidende Jesus wird zum Licht aller – und so bringt ausgerechnet der Gekreuzigte am meisten Licht in dieses Bild.

Genau das wünsche ich uns allen sehr, dass wir mit dem Licht des Glaubens leben, das in Jesus seinen Ursprung hat – trotz Dunklem in uns und um uns herum. Auch wenn dieses Licht des Glaubens vielleicht manchmal eher dem bescheidenen Licht einer Kerze gleicht. Wir dürfen aber auch mal zu richtigen Eseln werden, die das Licht weitertragen zu den Menschen um uns herum, die in Leid und Not sind.

Möge sowohl das Bild als auch das folgende Lied des Dichters Angelus Silesius (1624-1677) Ihre Herzen weihnachtlich erleuchten:

Morgenstern der finstern Nacht,

der die Welt voll Freuden macht.

Jesulein, komm herein,

leucht in meines Herzens Schrein.

Schau, dein Himmel ist in mir,

er begehrt dich, seine Zier;

Säume nicht, O mein Licht,

komm, komm, eh der Tag anbricht.

Deines Glanzes Herrlichkeit

übertrifft die Sonne weit;

Du allein, Jesulein,

bist, was tausend Sonnen sein.

Du erleuchtest alles gar,

was jetzt ist und kommt und war,

Voller Pracht wird die Nacht,

weil dein Glanz sie angelacht.

Deinem freudenreichen Strahl

wird gedienet überall:

Schönster Stern, weit und fern

ehrt man dich wie Gott den Herrn.

Ei nun, güldnes Seelenlicht,

komm herein und säume nicht.

Komm herein, Jesu mein,

leucht in meines Herzens Schrein.


Mit den Wünschen für eine gesegnete Begleitung Gottes durch diese Advents- und Weihnachtszeit grüßt ganz herzlich,

Michael Hüstebeck, Pfarrer