Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Johannes 15,5

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Eine Spinne hatte sich von einem Ast herabgelassen und an günstiger Stelle ihr Netz begonnen. Den ganzen Sommer über hatte sie daran gebaut und gebessert. An einem Herbstmorgen war sie übelgelaunt, lief ihr Netz entlang, und stieß am äußersten Ende auf einen rätselhaften Faden. Sie erinnerte sich nicht mehr, dass sie an ihm hinabgestiegen war. Mit einem einzigen Biss durchtrennte sie ihn - und lag in der Tiefe, hilflos in die Reste ihres eigenen Netzes verwickelt.

Im Wort Jesu und in dieser kleinen Geschichte geht es ums Dranbleiben. Ohne Nahrungszufuhr schrumpelt alles auf Rosinengröße und ohne Halt stürzt alles in sich zusammen. Auf uns selbst bezogen bleiben wir haltlos.

In diesen Tagen erleben wir, wovon Jesus redet. Das Wachsen und Blühen, das vor wenigen Wochen noch schier unmöglich schien, ist inzwischen voll im Gang. Vor kurzem habe ich beim Spaziergang einen Zweig gesehen, der durch einen Sturm abgebrochen war. Das heißt: Er hing noch am seidenen Faden. Dieser Zweig treibt trotzdem Blüten. Obwohl er gebrochen ist, obwohl er viel zu leiden hat – die Verbindung zum Stamm, die ganz winzig ist, sie hält ihn am Leben.

Dies ist das Versprechen Gottes, selbst dann, wenn unser Bleiben bei Jesus Christus vielfältig gebrochen, verwundet, angeschlagen ist - er ist in seiner Lebenskraft stark genug, dass er in uns sein Leben verströmt und Frucht bewirkt. Ob nun ein schwaches zaghaftes Blühen oder üppige Vegetation des Glaubens.

Deshalb bleibt dran am Hören, am Suchen und Fragen nach dem, was Gott uns sagt. Aber auch am Essen und Trinken seines Leibes und Blutes. Dies brauchen wir, denn unser Erinnerungsvermögen an die Wohltaten Gottes schrumpft leider im Alltag oft auf Rosinengröße und dann geht es uns wie der Spinne, die vergessen hat, woher sie gekommen war.

Mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen,
Michael Hüstebeck, Pfarrer

Hüstebeck