„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“ Psalm 139,14

 

Liebe Leserinnen und Leser!

Manchmal platzt mir fast der Schädel vor lauter Staunbarkeiten.

Ich schaue einen Baum an. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde. Sie nehmen Wasser auf. Irgendwie kommt dieses Wasser den ganzen Stamm hinauf, bis in die äußersten Blätter. Und dort geschieht etwas, das ich zwar „Photosynthese“ nennen kann – als hätte ich damit schon irgendetwas begriffen.

Aus Licht wird Leben.

Wie geht das?

Unter diesem Baum krabbelt ein Käfer. Auch der funktioniert. Winzige Beinchen tragen ihn über den Boden. Er findet Nahrung. Er nimmt seine Umgebung wahr. Vielleicht weiß ich sogar, wie er heißt.

Und während ich noch über diesen Käfer staune, singt oben im Baum ein Vogel.

Er atmet. Sein Herz schlägt. Er kann fliegen! Einfach so! Er breitet seine Flügel aus und die Luft trägt ihn.

Wie kann man sich daran gewöhnen?

Und dann erst die großen Dinge.

Berge. Meere. Wale. Elefanten. Sterne.

Und die kleinen.

Erdbeeren. Ameisen. Regentropfen. Eine Schneeflocke. Der Duft einer Blüte.

Und der Mensch!

100.000 Kilometer Blutgefäße sollen durch unseren Körper führen. Ein Herz schlägt und schlägt und schlägt. Die Leber tut Dinge, von denen die meisten von uns vermutlich nur eine ungefähre Vorstellung haben. Unsere Haut schützt uns – und gleichzeitig lässt sie uns die Wärme der Sonne spüren, die Kälte des Wassers und die Berührung eines Menschen.

Und dann gibt es auch noch Liebe.

Freundschaft.

Mitgefühl.

Lachen.

Tränen.

Kunst.

Träume.

Musik!

Mein Gott, allein die Musik könnte doch schon reichen, um ein Leben lang zu staunen.

„Wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“

Erkennt sie das wirklich?

Vielleicht beginnt sie gerade erst damit.

Vielleicht reicht meine Lebenszeit gar nicht aus, um mit dem Staunen fertig zu werden.

Und dann schaue ich in diesem Sommer auf unsere Welt.

Auf Flüsse, die so wenig Wasser führen, dass Menschen dort laufen können, wo sonst Schiffe fahren.

Auf ausgetrocknete Erde.

Auf Wälder, die unter der Hitze leiden.

Auf Feuer, die sich durch Landschaften fressen.

Und auf einmal bleibt mir das Staunen im Hals stecken.

„Wunderbar sind deine Werke.“

Kann ich das noch sagen?

Ja.

Vielleicht sage ich es gerade jetzt.

Nicht, weil alles wunderbar wäre.

Sondern weil diese Welt wunderbar ist.

Vielleicht schmerzt mich ihr Verwundetsein gerade deshalb so sehr.

Ein Fluss ist nicht einfach Wasser, das von irgendwo nach irgendwo fließt. Er ist Lebensraum. Fische ziehen ihre Bahnen. Pflanzen wachsen an seinen Ufern. Tiere trinken. Menschen leben von ihm und an ihm.

Und wenn er austrocknet, merken wir plötzlich, was wir verlieren.

Wunderbar heißt nicht unverwundbar.

Vielleicht gehört gerade das zu meinem Staunen: Diese wunderbare Welt ist verletzlich.

Sie ist uns anvertraut.

Nicht weil sie uns gehört.

Sondern weil wir zu ihr gehören.

Und während ich noch versuche, all diese Staunbarkeiten in meinen Kopf und in mein Herz zu bekommen, macht dieser Psalm etwas beinahe Ungeheuerliches.

Er sagt:

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin.“

Ich?

Wirklich ich, Gott?

Ich kann das bei einem Sonnenuntergang glauben.

Bei einem Wal.

Vielleicht sogar beim Mistkäfer.

Aber bei mir?

Mit meinen Schauerseiten.

Mit meinen Höhen und Tiefen, mit meiner Hasenherzigkeit und meinen Mutausbrüchen, mit meinen Wünschen und meinen Grenzen, mit dem, was war, was ist und was kommt.

Ich bin wunderbar gemacht.

Es ist ein seltsamer Satz.

Denn wenn ich ihn wirklich an mich heranlasse, schwillt mir darüber nicht die Brust.

Ich werde eher still.

Ich habe mich schließlich nicht selbst gemacht.

Dieses Herz – ich habe es nicht in Gang gesetzt.

Dieses Leben – ich habe es mir nicht gegeben.

Dass ich lieben kann, lachen, weinen, denken, hoffen, glauben, zweifeln, einen anderen Menschen berühren und mich berühren lassen kann:

Ich verdanke mich.

Vielleicht ist das Demut.

Nicht gering von mir zu denken.

Sondern staunend anzunehmen, was Gott über mich sagt.

Du bist wunderbar gemacht.

Und vielleicht brauche ich meine ganze Lebenszeit, um in diese Wahrheit hineinzuwachsen.

Vielleicht werde ich nie damit fertig.

So wenig, wie ich mit dem Staunen über diese Welt fertig werde.

Und dann kommt mir noch ein anderer Satz in den Sinn.

Einer, den ich schon so oft gehört habe, dass ich beinahe vergessen könnte, wie unglaublich er ist:

„Denn also hat Gott die Welt geliebt …“

Denn also …

Diese Welt?

Diese wunderbare und verwundete Welt?

Diese Welt mit ihren Meeren und Bergen, ihren Walen und Käfern, ihren Erdbeeren und Flüssen?

Diese Welt mit ihren ausgetrockneten Böden und brennenden Wäldern?

Diese Welt mit uns Menschen?

Mit unserer Fähigkeit zu lieben und unserer Fähigkeit zu zerstören?

Mit unseren Schauerseiten?

Also hat Gott die Welt geliebt.

So sehr.

Auf diese Weise:

„… dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“

Und nun staune ich nicht mehr nur über Gottes Werke.

Nun staune ich über Gott.

Über eine Liebe, die ihre verwundete Schöpfung nicht aufgibt.

Über einen Gott, der nicht auf Abstand bleibt.

Der selbst hineinkommt in diese Welt.

Der Mensch wird.

Der unsere Verwundbarkeit am eigenen Leib trägt.

Wunderbar heißt nicht unverwundbar.

Nicht einmal für ihn.

Und vielleicht beginnt hier ein Staunen, für das meine Lebenszeit erst recht nicht ausreicht.

Wenn diese Schöpfung schon so voller Staunbarkeiten ist –

wie groß musst dann du sein, Gott?

Und wenn du diese wunderbare und verwundete Welt so liebst –

wie groß muss deine Liebe sein?

Und dann stehe ich mittendrin.

Ich.

Mit meinen Schauerseiten.
Mit meiner Hasenherzigkeit und meinen Mutausbrüchen.
Mit meinen Wünschen und meinen Grenzen.
Mit dem, was war, was ist und was kommt.

Wunderbar gemacht.

Verwundbar.

Geliebt.

„Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele.“

Sie erkennt es, Gott.

Vielleicht erst ein ganz kleines bisschen.

Aber dafür hast du mir ja ein ganzes Leben geschenkt.

Und vielleicht reicht selbst das nicht aus.


Ihr

Michael Hüstebeck, Pfarrer