26.4.2015 - Jubilate - Johannes 16,16-23 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Jubilate, 26.4.2015 Gö/Volk: Johannes 16,16-23a:

16 Jesus Christus spricht zu seinen Jüngern: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.
17 Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater?
18 Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.
19 Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen?
20 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.
21 Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
22 Und auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
23 An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.

Liebe Gemeinde!
Abschied nehmen tut weh. Das haben wir in den letzten Wochen und besonders am letzten Sonntag deutlich gespürt, - als wir offiziell aus der Gemeinde verabschiedet wurden. Ein bewegender Tag.

Jesus bereitet seine Jünger auch auf einen Abschied vor, - und was er ihnen dazu zu sagen hat, ist sehr ambivalent: „Es ist gut für euch, dass ich weggehe.“ - sagt er einerseits, aber auch: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.“ Wenn das so ist, dann kann er sie doch eigentlich gar nicht allein lassen. Dann darf er doch nicht weggehen, oder? Denn wie sollen sie ohne ihn Frucht bringen?

Aber: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen.“ - ganz klar: die Zeit, in der er noch bei ihnen ist, ist begrenzt, ist kurz, - ist „eine kleine Weile“ - und dann werden sie ihn nicht mehr sehen, - allerdings wird auch diese Phase nur „eine kleine Weile“ sein: „Und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.“ So eine kleine Weile steht ihnen unmittelbar bevor: Jesus wird gekreuzigt und stirbt, - und wird begraben. Unendliche Trauer durchleben sie, Schmerz des Abschieds, - den selbst das nicht durchbrechen kann, dass er ihnen schon verrät, dass sein Tod nicht das Ende sein wird.

Tatsächlich aber bleibt er nur für ganz kurze Zeit im Grab, dann geschieht das Unfassbare: Er lebt, - und ist wieder bei ihnen. Auf diese „kleine Weile“ blickt der Evangelist Johannes – und wir mit ihm – schon zurück. Anders als die Jünger, denen diese Erfahrung ja noch bevorsteht. Denn sie haben – zum Zeitpunkt dieses Gesprächs – Ostern ja noch nicht erlebt und kennen nur eine Wirklichkeit: nämlich die, dass der Tod endgültig ist.

Die Jünger sind verwirrt: Wovon redet er? Was meint er? „Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater?“ Ihre totale Verwirrung spiegelt Johannes wider durch die quälend umständliche Weise, wie er dieses Gespräch in dreifacher Wiederholung der Frage wiedergibt.

Und auch wir müssen das erst mal sortieren. Und spüren: Von „kleinen Weile“ bis zu seiner Kreuzigung und dann von den Tagen zwischen dem Karfreitag und Ostern, zwischen Kreuzigung und Auferstehung redet Jesus hier nicht, - sondern von der Zeit nach Ostern, - von den wenigen Tagen zwischen seiner Auferstehung und der Himmelfahrt, - und von der Zeit nach seiner Himmelfahrt. Wenn er nicht mehr leibhaft bei ihnen sein wird – eine kleine Weile.

Wovon Jesus redet, das ist – mit anderen Worten – die Zeit der Kirche. Die Zeit zwischen der Himmelfahrt und seinem Kommen am Ende der Zeit. Dass es nicht leicht wird, sagt er den Jüngern voraus, dass es eine Zeit der Traurigkeit sein wird: „Sie werden euch aus der Synagoge ausstoßen. Es kommt die Zeit, dass, wer euch tötet, sogar meinen wird, er tue Gott einen Dienst damit.“ Oder, wie eben gehört: „Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen.“

Da deutet sich schon an, dass sie die gleiche Feindseligkeit zu spüren bekommen werden, die ihn ans Kreuz gebracht hat, - aber er sagt ihnen auch, dass diese Zeit der Trauer und der Bedrückung begrenzt ist, wie einst in der Zeit des Exils, von der Jesaja verkünden darf: „Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.“

Und er sagt ihnen auch, dass sie nicht allein sein werden: „Euer Herz ist jetzt voll Trauer. Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.“ - Die unbedingt notwendige Gemeinschaft mit ihm, die Gemeinschaft der Reben mit dem Weinstock, braucht also nicht seine körperliche Gegenwart, - sondern wird durch den Heiligen Geist geschenkt: Siehe, ich gehe zum Vater, und bin doch bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende, wo immer zwei oder drei sich versammeln unter dem Wort, in meinem Namen.“

Eine kleine Weile, die nun schon fast zweitausend Jahre dauert, diese Zeit der Kirche. Zeit ist eben relativ. Die Kirche aber ist die „Ekklesia“ - zu deutsch: die Herausgerufene, - das hat einen negativen Klang insofern, als der Name andeutet, dass wir als Christen aus der Welt, aus den alten Gewohnheiten und Bindungen und Sicherheiten herausgerufen sind. Da klingt das Fremde an, - dass wir als Christen nicht einfach mit dem Strom der Zeit schwimmen, dass wir anecken werden, weil wir tief im Herzen wissen, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Und dass dieses Leben nicht alles ist, - sondern nur der Weg, der Weg durch die Fremde in die himmlische Heimat.

Und die Kirche ist – positiv – die „Ekklesia kyriake“ – die Herausgerufenen, die zum Herrn, zum Herrn Jesus Christus gehören. In eine neue Gemeinschaft, eine neue Familie eingepflanzt sind. Keiner von uns ist nämlich allein auf dem Weg durch die Fremde, sondern gemeinsam sind wir unterwegs, aneinander gewiesen, - gemeinsam gehen wir dem Ziel entgegen, und dieses Ziel heißt: Freude. „Jetzt habt ihr Traurigkeit; aber ich will euch wieder sehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Von einer Verwandlung spricht Jesus da: „Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“ Man hat danach gesucht, wie man diese Verwandlung irgendwie anschaulich machen kann, und hat in der Natur das Bild des Schmetterlings gefunden: Und so ist der Schmetterling zu einem christlichen Symbol geworden: Die zumeist ja recht hässliche Raupe verpuppt sich, wirkt eine Zeitlang wie tot. Doch dann – eines Tages – reißt die Hülle auf, und ein wunderschöner Schmetterling schlüpft heraus und entfaltet seine bunten Flügel. „Ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Jesus selbst gebraucht ein anderes Bild: Er erinnert daran, wie es bei der Geburt eines Menschen ist: „Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen.“ Ich habe das ja drei Mal miterleben dürfen, - das ist schon ein außergewöhnliches Erlebnis, streckenweise nicht unbedingt schön, da ist Angst im Spiel, ob denn auch alles gut geht, da gibt es Schmerzen und Schreie. Aber dann der erlösende Moment, wenn das Kind geboren ist. „Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.“ Ein überwältigender Moment. Neues Leben, durch Schmerzen und Angst und Gefahr hindurch.

Das bietet eine ganz andere, im ersten Moment vielleicht ganz fremde Sicht auf unser Leben und unsere Welt. Denn das Leben, das wir leben, von der Kindheit bis ins hohe Alter, Beruf und Hobby, Arbeit und Ruhestand, das, was wir erreichen und gestalten, das, was das Leben angenehm und schön und lebenswert macht, - und auch das, was es manchmal schwer macht, - das füllt unser Denken aus. Jesus aber sagt: All das ist eigentlich nur der Vorgeschmack auf das, was dann kommt. Das Beste kommt noch, das Beste kommt danach. In unsern Liedern und in Luthers Katechismus ist da manchmal vom Jammertal die Rede, - das mag uns vielleicht übertrieben negativ erscheinen, - Jesus spricht von den Freuden und Sorgen des Lebens, - die einen ganz erfüllen und in Beschlag nehmen. Das klingt weniger düster, aber entscheidend ist: Das ist nicht das Eigentliche, nicht die Fülle des Lebens, nicht das Ziel, zu dem Gott uns führen will. Sondern nur ein Durchgang, ein Übergang.

Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“ Das ist das Ziel, - Und: „An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.“ Das ist eine schöne Verheißung (jedenfalls klingt es in mir ganz warm und angenehm nach): Dass all die quälenden Rätsel des Lebens, alles verzweifelte „Warum“ dann ein Ende hat, - alle Fragen befriedet sind. Alles unruhige Suchen unseres Herzens zur Ruhe kommen kann in der Gottesfülle der ewigen Freude. Deshalb müssen wir dieses Leben nicht gering achten. Weltflucht ist nicht angesagt, auch keine fromme. Aber zu wissen: Das hier ist nicht alles. Gott ist größer, und der Weg ist nicht das Ziel, das rückt die Dinge an den rechten Platz.

Und wenn wir da sind, am Ziel, dann werden wir alle Angst und allen Schmerz vergessen, um der Freude will, dass neues Leben anbricht, ewiges Leben. Amen.