19.4.2015 - Misericordias Domini - 1. Petrus 5,1-4 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Miserikordias Domini, 19.4.2015 (Entpflichtung): 1. Petrus 5,1-4:
1 Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll:
2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund;
3 nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.
4 So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

Liebe Gemeinde!

Das musste ja so kommen! Dass meine Verabschiedung ausgerechnet auf den Hirtensonntag fällt, - und ich mir zum guten Schluss noch mal das Evangelium vom guten Hirten anhören muss. - Ich habe diese Lesung nie ohne ein gewisses Grauen und ohne Anflug von schlechtem Gewissen lesen oder hören können, - und ich mag auch das Bild von Hirt und Herde als Leitbild für die Gemeindearbeit nicht besonders.

Es ist mir – ehrlich gesagt – zu hierarchisch, zu sehr amtstheologisch aufgeladen. Bei allem Guten, was man über die Schafe sagen kann, wie klug sie sind, und wie gut sie die Stimme ihres Hirten erkennen usw., - der Unterschied zwischen Hirte und Schaf ist nicht wegzuerklären, und so ein Schaf ist eben letztendlich doch Schlachtvieh. Und so ganz wird man die Assoziation der „unmündigen“ Schafe wohl nie aus dem Kopf bekommen, wir aber wollen und brauchen doch eigentlich die „mündige Gemeinde“ - oder um es mit einem Schlagwort aus der eigenen Kirche zu sagen: Selbständige Kirche braucht selbstständige Christen.

Dazu kommt: so leicht es uns Pastoren auch über die Lippen geht, wenn wir von „meiner Gemeinde“ reden, - ihr seid nicht „meine Gemeinde“, - ihr seid die Gemeinde Gottes, die Gemeinde, die Christus durch sein Blut erworben hat, „sein Eigentum, zum Lob seiner Herrlichkeit.“1 Ich habe kein Recht, euch als meinen Besitz zu reklamieren. Die Rede von „meiner Gemeinde“ darf vielleicht hier und da als Nachlässigkeit durchgehen, letztlich ist sie übergriffig und nicht ganz ungefährlich.

Darum gefällt mir dieses Bild nicht, und auch der Gedanke an das Vorbild-Sein liegt mir wie ein Stein auf der Seele: „Werdet Vorbilder der Herde!“ - schreibt Petrus, - ausgerechnet der! Der selbst so kläglich versagt hat! Bin ich ein Vorbild? Will ich es sein, - kann ich es sein? Wer soll sich an mir ein Vorbild nehmen? Hier in der Stadt habe ich das nicht so bedrückend empfunden wie damals auf dem Land, in der Dorfgemeinde, wo es – das Gefühl hatte ich jedenfalls – die Erwartung gab, dass wenigstens im Pfarrhaus noch die heile Welt existieren müsste, die es sonst schon nirgends mehr gab. Diesen Erwartungsdruck habe ich hier nicht so gespürt, und doch: „Werdet Vorbilder der Herde!“

Aber vielleicht weist an der Stelle gerade das Versagen des Petrus den rechten Weg. Vorbild sein – gerade auch in den Brüchen des Lebens, im Scheitern, im Versagen. Aber das ist leicht gesagt und schwer gelebt.

Nur wenn ich ganz konzentriert darauf schaue, dass es doch um Christus als den guten Hirten geht, und wir alle gemeinsam seine Herde sind, kann ich mich mit diesem Bild anfreunden. Sonst hinterlässt es immer den faden Beigeschmack des schlechten Gewissens, das in dem Vergleich von Hirt und Mietling ja quasi vorprogrammiert ist: Wann hätte man je genug getan? Und war es stets das Gute, das Richtige? Die Frage hat mich nie losgelassen: Bin ich so ein Mietling, der davonläuft, der seine Herde im Stich lässt? Bin ich wirklich einer, der den Kampf mit den Wölfen aufnimmt? Bin ich ein Hirte, der diesen Namen verdient, - habe ich wirklich alles getan, was nötig war, bin ich den Verlorenen nachgegangen, - habe ich die Starken und die Schwachen in rechter Weise geweidet?

Oder ging es – wie Petrus schreibt – doch eher um schändlichen Gewinn? Der Gedanke mag in diesem Beruf auf den ersten Blick abwegig sein, wir arbeiten ja nicht besonders gewinnorientiert. Aber manches gibt es auf der Gewinn-Seite doch zu verbuchen: Ein Beruf, bei dem man nicht um 5 Uhr Morgens aufstehen muss, - eine Arbeit, bei der man sich nicht die Hände schmutzig machen muss, - eine komfortable Wohnung, ein Gehalt, das pünktlich jeden Monat auf dem Konto ist, - eine gesicherte Altersversorgung, - und manche Anerkennung der geleisteten Arbeit.

Für das alles arbeiten wir nicht, das ist nicht die letzte Motivation, aber es sind doch sehr angenehme Begleiterscheinungen.

Das Bild vom Leib Christi oder das vom Haus der lebendigen Steine gefällt mir viel besser, wenn es darum geht, zu beschreiben, wie ich meine Arbeit verstehe. Da ist mehr Augenhöhe drin. Beim Bild von dem Leib ist eben nicht der Pastor die Hauptperson, sondern das Haupt ist Christus, - und so muss es doch auch sein! - Aber heute haben wir es – ob es uns nun passt oder nicht – mit dem Bild vom Hirten zu tun, - und wie die Berufsbezeichnung „Pastor“ ja nun deutlich zu erkennen gibt, kann ich mich da auch nicht aus der Verantwortung stehlen: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund.“ Aber es fällt auf, dass es doch erhebliche Brüche in diesem Bild gibt:

Mahnend tritt Petrus auf, - in der Autorität des Apostels, eines „Zeugen der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll“ - und doch ganz betont als der Mitälteste, - also auf Augenhöhe, - und nicht in pfarrherrlicher Selbstüberhöhung. - Wer die angeredeten „Ältesten“ sind, lässt sich in den heutigen Ämter-Kategorien kaum präzise fassen. Es sind Gemeindeleiter, - aber kirchliche Ämter, so wie wir sie kennen, zumal in der Zuspitzung auf das Pfarramt, bilden sich erst allmählich heraus. „Älteste“ - Presbyter, das ist heute allgemein die Bezeichnung für Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, - da hat sich offenbar einiges verschoben.

Weiden sollen sie „die Herde Gottes“, - aber eben „nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.“ - Da ist es wieder, das „Vorbild“, - übrigens wird das auch heute nicht nur den Pastoren ins Stammbuch geschrieben, sondern auch den Vorstehern bei ihrer Einführung in dieses besondere Amt der Gemeindeleitung. Gäbe es eine spezielle Beauftragung ins Elternamt, - dann würde das den Vätern und Müttern wohl ebenfalls aufs Herz gelegt, - ihren Kindern Vorbild zu sein.

Es steht da – glaube ich – etwas im Hintergrund, was wir im gemeindlichen Alltag viel zu wenig berücksichtigen, und was auch bei Paulus und seinen Kollegen nicht so oft anklingt, - nämlich, dass es unterschiedliche „Reifegrade“ im Glauben gibt: Bei Paulus kommt das einmal zum Tragen, als er von der Milch und der festen Speise spricht: „Milch habe ich euch zu trinken gegeben und nicht feste Speise; denn ihr konntet sie noch nicht vertragen.“ Milch für die Anfänger im Glauben, feste Speise für die, die schon Heranwachsende sind.

Wir reden gern von Gemeindewachstum, denken dabei aber meist an ein zahlenmäßiges Wachstum. Schön, wenn es das auch gibt, aber „wachsen“ meint daneben auch ein innerliches, ein geistliches „Wachsen“. Die „Ältesten“ heißen Älteste, weil man mit dem Alter Erfahrung und Weisheit und Bewährung verbindet, - hier geht es also solche Christen, die im Glauben Rat und Halt und Orientierung geben können. Aufgabe und Chance der Leitung, der Ältesten wäre es demnach, gute Bedingungen für ein Wachsen gerade der Jüngeren und Unerfahreneren zu schaffen. - Da wird offenbar ein ganz bestimmter Führungsstil beschrieben, - der nicht auf der Grundlage von Befehl und Gehorsam funktioniert, denn Befehl und Gehorsam ermöglichen eben gerade kein inneres Wachsen - sondern auf der Grundlage von Vorbild und Nachahmung. „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir“, sagt Jesus einmal, - lernen geschieht also durch praktisches Tun, - durch Nachfolgen und Nachahmen.

Das Vorbild aller Vorbilder ist dabei Christus selbst, wie er seinen Jüngern dient: „Wisst ihr, was ich euch getan habe?“ - fragt er sie, nachdem er ihnen die Füße gewaschen hat. „Ihr nennt mich Meister und Herr und sagt es mit Recht, denn ich bin's auch.“ Damit ist seine Autorität klar benannt und bestätigt. Aber wie sieht die aus? „Wenn nun ich, euer Herr und Meister, euch die Füße gewaschen habe, so sollt auch ihr euch untereinander die Füße waschen. Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“

Nicht herrschen, sondern dienen, - darum geht es: „Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie es Gott gefällt; nicht um schändlichen Gewinns willen, sondern von Herzensgrund; nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde.“

Gut, wenn wir uns das immer wieder einmal sagen lassen, - uns erinnern lassen. Denn in der Welt geht es oft anders zu, da geht's darum, wer sich durchsetzt, wer der Stärkere ist, wer die Macht oder das Geld hat, - und es ist verführerisch, sich von solchem Führungsstil anstecken zu lassen. Aber dann wird aus der Herde Gottes eben doch ganz schnell „meine Gemeinde“, in der ich schalten und walten kann, wie ich will.

Leitung der Gemeinde hat auch ein Ziel, - vielleicht ist es sogar das Wichtigste, das immer wieder zu bedenken und in den Blick zu nehmen, wohin die Reise gehen soll: „So werdet ihr, wenn erscheinen wird der Erzhirte, die unvergängliche Krone der Herrlichkeit empfangen.“ Mit dem Bild von der „Krone der Herrlichkeit“ kann ich persönlich nicht so viel anfangen, - mir gefällt besser, was Jesus sagt: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Das finde ich schön, - ein schönes Bild, das mir gut tut: ein ewiger Feiertag und Ruhe für meine manchmal so erschöpfte Seele.

Lasst uns also auf dem Weg bleiben, diesem Feiertag entgegen, - wenn's jetzt auch manchmal mühsam und anstrengend ist, - Gottes Feiertag bricht für uns an, - und mit ihm die himmlische Ruhe für unsere Seelen. Amen.

1Epheser 1,14