12.4.2015 - Quasimodogeniti - 1. Mose 32,23-32 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Quasimodogeniti, 12. April 2015: 1. Mose 32,23-32

23 Und Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok,
24 nahm sie und führte sie über das Wasser, sodass hinüberkam, was er hatte,
25 und blieb allein zurück. Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.
26 Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
27 Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
28 Er sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob.
29 Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.
30 Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße? Und er segnete ihn daselbst.
31 Und Jakob nannte die Stätte Pnuël; denn, sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.
32 Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf; und er hinkte an seiner Hüfte.

Liebe Gemeinde!
Finster ist es in dieser Nacht, - am Himmel leuchtet nur ein fahler Mond. Ein paar Sterne sind zu sehen, geben grobe Orientierung. Ein kleines Feuer am Ufer des Flüsschens Jabbok hat Jakob angezündet, das gibt ein wenig Wärme und Licht. Sonst weit und breit nur Dunkelheit. Nicht zu vergleichen mit der Nacht, wie wir sie kennen, - hell erleuchtet – jedenfalls in den Städten. Was das „Grauen der Nacht1“ ist, können wir ja kaum noch nachempfinden, - vor lauter selbst gemachtem Erdenlicht.

Finster ist es auch in Jakobs Herzen, - er hat Angst, - Angst vor dem, was der nächste Tag wohl bringen wird, die Begegnung mit seinem Bruder Esau, ein Wiedersehen nach zwanzig Jahren, - denn vor zwanzig Jahren war Jakob Hals über Kopf vor Esaus durchaus berechtigtem Zorn geflohen.

Finster ist es aber auch deshalb in Jakobs Herzen, weil eine Schuld schwer auf ihm liegt, all die Jahre schon, Schuld, die einen Graben aufgerissen hatte zwischen ihm und seinem Bruder, seit Jakob ihn damals so bitter betrogen hatte. Jakob, der „Fersenhalter“ - aber das klang angesichts dieser Schuld an seinem Bruder doch reichlich harmlos, - Jakob, der Überlister, der Betrüger, - so wäre sein Name wohl treffender zu übersetzen, - und jedes Mal, wenn er ihn nannte, war das wie eine unfreiwillige Beichte, eine Anklage aus dem eigenen Mund.

Jakob hatte es inzwischen zu großem Reichtum gebracht, der ergaunerte Segen hatte offenbar gewirkt. Zwei Frauen und elf Söhne hat er, - die bringt er vor dem Treffen noch in Sicherheit, danach, so sein Plan, wollte er Esau entgegentreten, ihn mit Geschenken überhäufen und so versuchen, ihn gnädig stimmen und sich selbst die alte Schuld von der Seele schaffen, - doch Esau, so hatte man ihm berichtet, kam ihm mit 400 Mann Verstärkung entgegen, kein gutes Zeichen für den morgigen Tag. Und so kreisen Jakobs Gedanken in dieser Nacht um Angst und Schuld, und ein kleines bisschen Hoffnung.
Dunkel ist die Geschichte aber auch, weil dieser „Mann“, der Jakob überfällt, im Dunklen bleibt. Wer ist das? Der unbekannte Gegner, der ihn aus dem Dunklen heraus anfällt, hat offenbar böse Absichten, - er will ihn, wie es scheint, umbringen, und lässt nicht locker, bis der Morgen graut. Ist das so eine Art archaischer Flussdämon, dessen Element die Nacht ist, so dass er das Tageslicht scheut. Ist es ein Engel? So deutet es Hosea2: „Jakob hat schon im Mutterleibe seinen Bruder betrogen und im Mannesalter mit Gott gekämpft. Er kämpfte mit dem Engel und siegte.“ Aber davon steht hier nichts. Deutlich ist, dass wir diesen Kampf als ein Ringen mit Gott verstehen sollen, auch Jakob selbst deutet es im Nachhinein so, - aber so richtig will das auch nicht passen, - denn Jakob sagt: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen“ - an anderer Stelle aber heißt es: Niemand wird überleben, der Gott sieht. Und dass Gott nicht in der Lage sein sollte, Jakob niederzuringen, will auch nicht so recht einleuchten. - Die Dinge sind in der Bibel eben nicht so wie in einem Puzzle, wo haargenau sich alles Teil für Teil zu einem Ganzen zusammenfügt, wenn man es nur an die richtige Stelle setzt, - es bleiben Ungereimtheiten, Ecken und Kanten, - das müssen wir wohl aushalten, - und oft sind es gerade diese Ungereimtheiten, die sich am Ende als Schlüssel erweisen.

Kehren wir also zurück zu dem nächtlichen Ringkampf. „Ein Mann rang mit Jakob, bis die Morgenröte anbrach. Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt. Und er – also dieser rätselhafte Mann/Engel/Dämon oder Gott sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.“ Jakob ist zwar verletzt, - aber er geht letztendlich als Sieger aus diesem Kampf hervor. Die aufgehende Sonne scheint ihm dabei zu helfen, immer kürzer wird die Frist, die dem unbekannten Gegner noch bleibt. Und jetzt dämmert nicht nur der Morgen, sondern es dämmert Jakob auch, mit wem er es zu tun hat: „Pnuël“ wird er diesen Ort nennen, „denn, so sprach er, ich habe Gott von Angesicht gesehen, und doch wurde mein Leben gerettet.“

So rätselhaft die ganze Geschichte ist, - viele werden ihre eigenen Erfahrungen mit Gott hier einzeichnen können: Dass er nicht der freundliche harmlose Kuschelgott ist, zu dem wir ihn manchmal gerne machen wollen. Dass er uns oft rätselhaft und verborgen bleibt, in dem, wie er uns führt und was er uns auferlegt. Dass er einen wie ein Dämon aus dem Dunklen überfallen kann. „Gott hat mich als seine Zielscheibe aufgestellt, - und seine Pfeile schwirren um mich“, - so drückt Hiob das einmal aus, - „deine Pfeile haben meine Nieren durchbohrt, - die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet.“ Und er klagt: „So hör doch auf und lass ab von mir, dass ich ein wenig erquickt werde.“ Und in Psalm 102 klagt der Beter: „Du hast mich hochgehoben und zu Boden geworfen.“ Gott, unnahbar und gefährlich, - vernichtende Heiligkeit.

Es gibt manche unter uns, die schon so manche Nacht wie Jakob mit diesem Gott gerungen haben, und dabei hinkend und verletzt zurückgeblieben sind, - angefochtener Glaube, der mit dem verborgenen Gott ringt. Und das ist kein Spiel.

Und dann doch auch die Erfahrung, dass Gott sich niederringen lässt. „Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“3 Dass er fern sein kann – und dann doch auch wieder ganz nah. Verborgen, - und manchmal auch spürbar an unserer Seite. Vom offenbaren und vom verborgenen Gott hatte Martin Luther gesprochen, um diese rätselhafte ambivalente Erfahrung in Worte zu fassen, - und von dem fremden Werk Gottes, seinem Zorn, und seinem eigentlichen Werk: seiner Liebe. Dass Gott also manchmal geradezu gezwungen ist, das zu tun, was er selber gar nicht will: zürnen und strafen, - und nur auf eine Gelegenheit wartet, - das tun zu können, was er eigentlich in der Tiefe seines Herzens möchte: vergeben und segnen.

Am Morgen ist der stumme Kampf zuende, - jetzt reden die beiden plötzlich miteinander. „Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an. - Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.“
Damit bittet Jakob um nichts anderes, als was Gott ihm selbst zugesagt hatte, - in jener Begegnung vor 20 Jahren, als Jakob auf der Flucht war und nachts im Traum die Himmelsleiter sah. Da hatte Gott zu ihm gesagt: „Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.“
Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn: Da spielt Jakob über all seine Schuld hinweg den offenbaren, den zugewandten Gott gegen den verborgenen aus, - den gnädigen gegen den zornigen Gott. - Der Fremde aber sprach: Wie heißt du? Er antwortete: Jakob – der Betrüger. Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen. ... Und er segnete ihn daselbst. Das ist Gottes Antwort: Jakob geht als neuer Mensch aus diesem Kampf hervor. Als neuer Mensch wird er seinem Bruder gegenübertreten. Als Gesegneter, als Begnadigter – und als der, auf dem immer noch Gottes Verheißung liegt, - die Verheißung für Israel.

Eines aber bekommt Jakob nicht: Er bekommt Gott nicht in die Hand: „Und Jakob fragte ihn und sprach: Sage doch, wie heißt du? Er aber sprach: Warum fragst du, wie ich heiße?“ - Aber seinen Namen gibt er nicht preis, - anders als später bei Mose am brennenden Dornbusch, als er Mose seinen Namen offenbart.

Und Jakob: Er geht der Begegnung mit seinem Bruder nun gestärkt entgegen, humpelnd und hinkend, aber gestärkt: „Ich habe Gott von Angesicht gesehen, und bin mit dem Leben davongekommen. - Und bin von ihm gesegnet worden. - Und als er an Pnuël vorüberkam, ging ihm die Sonne auf.“

Uns hinterlässt er das Bild vom Ringen mit Gott, und den Schlüssel zu Gottes Herzen: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn. Amen.

1Psalm 91,5

2Hosea 12,5

3Psalm 30, 6