5.4.2015 - Ostersonntag - Lukas 24,13-35 PDF  | Drucken |  E-Mail

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen. Amen.

Predigttext Ostern, 5.6. April 2015 Gö/Volk Lukas 24,13-35:
13 Und siehe, zwei von den Jüngern gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa zwei Wegstunden entfernt; dessen Name ist Emmaus.
14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten.
15 Und es geschah, als sie so redeten und sich miteinander besprachen, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen.
16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten.
17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen.
18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk;
20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben.
21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.
22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen,
23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe.
24 Und einige von uns gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht.
25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben!
26 Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen?
27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.
28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen.
29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben.
30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen.
31 Da wurden ihre Augen geöffnet und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen.
32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete?
33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren;
34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und Simon erschienen.
35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, als er das Brot brach.

Liebe Gemeinde!
Da sind zwei unterwegs von Jerusalem nach Emmaus. Aber das ist kein fröhlicher, entspannter Osterspaziergang in der Frühlingssonne, sie sind eingehüllt in dunkle Mäntel, als würden sie frieren, und vor ihnen liegt eine leblose Wüste. Sie wirken wie auf der Flucht, - und eine Flucht ist es wohl auch: Weg von Jerusalem, weg von all dem, was dort in den letzten Tagen geschehen ist, - alles wollen sie hinter sich lassen: Das Grauen, das sie nicht ertragen konnten: wie ihr Freund hingerichtet wurde. Dass alles, worauf sie gehofft hatten, was sie sich ausgemalt hatten für die Zukunft, mit einem Mal in Tausend Stücke zerfallen ist. Weg auch von dem, was die Frauen vom leeren Grab erzählt haben, - verstörend das alles, unbegreiflich, ein Keim der Hoffnung, der ja doch nur neuen Schmerz der Enttäuschung bringen würde.

Was sollte nun werden aus ihrem kleinen Freundeskreis, mit dem sie die Welt verändern wollten? Egal, - das sollten nun andere überlegen, sie wollten nichts mehr davon hören, nichts mehr damit zu tun haben, sie wollten nur noch weg, - weg von alledem. Unendliche Enttäuschung liegt auf ihren Seelen, - ob ihr Weg nach Emmaus ihnen hilft, die abzuschütteln? Sie jedenfalls wollen nach vorn blicken, doch so wie es auf dem Bild aussieht, ist da auch nicht viel los.

Die Künstlerin Janet Brooks Gerloff hat den Weg der Emmausjünger in einem Bild festgehalten. Auf der linken Seite sehen wir die beiden dunklen Gestalten. Wir sehen sie von hinten, hinwegeilend, ihre Gesichter sehen wir nicht. Jerusalem liegt ihnen im Rücken, - vor ihnen irgendwo muss wohl Emmaus liegen, - wüst ist das Land, durch das sie ziehen, - und obwohl es längst Tag ist, sind sie in dunkle Nacht gehüllt.
Manche von uns werden solche Erfahrungen kennen, - wie ringsumher Licht und Leben ist, - aber selber hockt man in der Dunkelheit, in einer Dunkelheit, die von innen kommt, und das Leben geht an einem vorbei. Was auch immer es ist, das gerade das Leben verdunkelt, Trauer, weil ein lieber Mensch gestorben ist, Angst, während du auf eine Diagnose wartest, - oder du hast sie schon, und sie besagt nichts Gutes. Ein großes Fragezeichen über deiner Beziehung, - oder deinem Arbeitsplatz, - ist dein Leben gerade dabei, in Stücke zu brechen? Und du starrst leer und traurig in die Dunkelheit, und niemand ist da, - der dir hilft, der dich rettet, kein Licht, kein Morgen, kein Erwachen.

Und es geschah ...“ - so erzählt Lukas diese Geschichte. Heimlich und zunächst unbemerkt gesellt sich ein Dritter zu den beiden Wanderern auf dem Weg ihrer Hoffnungslosigkeit.

Wir wissen natürlich, wer das ist: Jesus, der Auferstandene. Aber die Augen der beiden Wanderer bleiben gehalten, - sie erkennen ihn nicht. Es entspinnt sich ein Gespräch, in dem Jesus ganz vorsichtig den Panzer ihrer Enttäuschung und ihrer Hoffnungslosigkeit aufbricht. Damit es hell wird in ihnen, - die Künstlerin deutet das an, indem sie malt, wie sich allmählich Weiß ins Schwarz ihrer Gewänder mischt.
Der unbekannte Dritte hält ihnen keine Vorträge, er fragt nach, lässt sie erzählen: Was ist denn da passiert, was macht euch denn so traurig. Das sollen sie sich von der Seele reden, - ihrer Trauer sollen sie Worte geben, der diffusen Hoffnungslosigkeit eine konkrete Wortgestalt. Und während sie erzählen, trocknen ihre Tränen, und ihre Seele wird ein wenig leichter, das Unbegreifliche wird greifbar.

Und dann bietet ihnen der Fremde eine neue Perspektive, eine neue Sichtweise an – auf all das, was sie erlebt haben. Eine, die sie längst hätten haben können, - die ihnen aber verschlossen geblieben war. „Musste nicht Christus dies erleiden?“ Dinge anders sehen, manchmal ist das ein weiter, mühsamer Weg. Am einen Tag glaubt man zu ahnen, wie es weitergehen kann, am nächsten Tag ist diese Ahnung schon wieder im Neben verschwunden, - doch langsam, ganz langsam wächst ein wenig Klarheit, wächst Hoffnung.

Die hätten sie sich selber nicht geben können. Dafür braucht es den, der mitgeht, - der einem sagt, was man sich selber nicht sagen kann. Der eine neue Sichtweise einbringt, wo die eigenen Augen gehalten sind. Die Künstlerin hat diesen Lebensbegleiter mit einigen wenigen Bleistiftstrichen nur angedeutet. Durchscheinend, fast unsichtbar. Das ist schon nicht mehr der irdische Jesus, das ist schon der Auferstandene. Als solcher nicht mehr den irdischen Bedingungen von Raum und Zeit unterworfen, - so ist er bei allen, die einen solchen Emmausweg im Leben gehen. Unsichtbar, aber gegenwärtig. Unfasslich, aber doch real. Unerkannt und unbemerkt an deiner Seite, auch wenn du davon nichts siehst. Noch immer erkennen sie ihn nicht, aber sie spüren, wie bei seinen Worten ihr Herz brennt, - wie es warm wird in ihrer Gefühlskälte, und hell, in ihrer Dunkelheit.

Am Ende ihres Weges steht die Einkehr. Der Abend bricht an, und sie haben ein Haus erreicht, in dem sie ein schützendes Dach und einen gedeckten Tisch finden. Leben. Hoffnung. Trost.
Sie bedrängen den Begleiter, sie nicht allein zu lassen, nicht weiterzugehen, sondern bei ihnen zu bleiben. Noch brauchen sie ihn. Seine Worte, die Anstöße, die er ihrem Denken und Fühlen gibt.

Jesus bleibt aber nicht einfach bei ihnen, er will gebeten werden. Natürlich sieht er ihren Schmerz, kennt er ihre Trauer. Aber immer wieder hatte er auch früher schon Kranke gefragt: Was willst du, dass ich dir tun soll. Sie selbst sollten so ihre Bedürftigkeit erkennen und benennen.
„Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget“. Dieser Satz ist zum Abendgebet der Kirche geworden. Das ist nicht nur eine Einladung zu einem Abendessen, es ist die Einladung, mit der wir Jesus in unser Herz einladen und seine Nähe erbitten.

Herr, bleibe bei uns.“ - Die beiden Jünger spüren, dass es etwas Besonderes mit diesem Wanderer auf sich haben muss. Deshalb wollen sie ihn nicht loslassen. Es hatte so gut getan, mit ihm zu reden, über das, was sie so schmerzt, über den Verlust, über ihre verlorene Hoffnung, ihr zerstörtes Leben. Seine Nähe war tröstlich, brachte Wärme und Licht.

Als sie ihn aber endlich erkennen, verschwindet er. Seiner habhaft werden können sie nicht. - Ausgerechnet die Geste des Brotbrechens ist es, bei der ihnen die Augen aufgehen. Wie bei ihrem letzten Abendmahl teilt er das Brot - und da wissen sie, wer er ist, der schon die ganze Zeit mit ihnen unterwegs war. Was die Frauen ihnen verkündet hatten, was sie da noch nicht glauben konnten, jetzt wissen sie es.
Und so ist es bis heute: Sooft wird sein Mahl feiern, feiern wir, dass er lebt, dass er mitten unter uns ist. In verwandelter Gestalt ist er da, unter Brot und Wein, teilt er sein Leben mit uns und für uns. Wir werden gestärkt auf unserm Weg, - weil der Auferstandene in unserer Mitte ist. „Brannte nicht unser Herz ...“ - so fragen sie sich nun rückblickend. Haben wir es nicht die ganze Zeit schon gespürt, geahnt? Doch erst jetzt sehen wir klar. „Herr, nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, - denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen“.

Die Emmausjünger kehren um. Sie können nicht bleiben, wo sie sind, - wohin sie geflohen sind. Denn sie sind nicht mehr, die sie waren. Sie müssen zurück in die Welt, aus der sie gekommen und weggelaufen sind. Zurück zu den anderen und alles erzählen: Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden.

Jetzt müsste man die Farben der Gewänder auf dem Bild austauschen, - weg mit den trübsinnigen Schwarz, - hin zum hoffnungsfrohen weiß. Jesus ginge nun auf ihrem Weg zurück nach Jerusalem nicht mehr unerkannt neben ihnen, - und dennoch wäre er weiterhin ihr Begleiter, auf allen ihren Wegen. Jesus bleibt an unserer Seite. Welche Wege auch immer wir gehen, mit steilen Anstiegen, durch dunkle Täler, mit grandiosen Aussichten und an furchtbaren Abgründen vorbei, - Jesus ist da. Jesus ist nah. Unser Herz weiß das, - und wenn wir es vergessen, dann lädt er uns an seinen Tisch, - damit wir neu dessen ganz gewiss werden: Jesus lebt, - und er ist da. Amen.