29.3.2015 - Palmarum - Jesaja 50,4-9 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Palmarum, 29. März 2015 Gö: Jesaja 50,4-9:

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.
5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.
7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.
8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir!
9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie Kleider zerfallen, die die Motten fressen.

Liebe Gemeinde!
Erinnert ihr euch noch? „Die weißen Tauben sind müde, sie fliegen lange schon nicht mehr. Sie haben viel zu schwere Flügel; und ihre Schnäbel sind längst leer, jedoch die Falken fliegen weiter, sie sind so stark wie nie vorher; und ihre Flügel werden breiter, und täglich kommen immer mehr, nur weiße Tauben fliegen nicht mehr.“
Hans Hartz, der 1991 mit „Sail away“ einen großen internationalen Erfolg feiern durfte, startete 1982 mit „Die weißen Tauben sind müde“ seine Karriere als der Sänger mit der unverwechselbar rauen Stimme. Ich wundere mich, dass dieses Lied im Moment nicht öfter zu hören ist. Es passt so gut in unsere Zeit: „Die weißen Tauben sind müde, sie fliegen lange schon nicht mehr. Jedoch die Falken fliegen weiter, sie sind so stark wie nie vorher...“. 33 Jahre alt ist dieser Text, - und im Moment angesichts all der Krisenherde so aktuell wie eh und je. Die Friedenstauben sind müde, und ich bin es auch, müde, die immer gleichen Nachrichten von Krieg und Terror zu hören, - von einer Welt, die nicht zur Ruhe kommt, - an Stelle der Friedenstauben fliegen jetzt Drohnen, - und Panzer und Raketen ersetzen Argumente und Verhandlungen.
Die Bibel kennt viele solche „müde“ Menschen, Menschen, die den Mut und die Hoffnung verloren haben: „Ich bin so müde vom Seufzen; / ich schwemme mein Bett die ganze Nacht und netze mit meinen Tränen mein Lager.“ - klagt der Beter des 6. Psalms, - „Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muss auf meinen Gott.“ - heißt es im Psalm 69. „Weil ich so lange harren – so lange warten muss“, dass Gott endlich etwas tut. „Ach du, Herr, wie lange ...?!“

Es ist dieses lange vergebliche Warten darauf, dass Gott heilvoll eingreift, was fromme Menschen müde werden lässt. Es ist die Frage Hiobs: „Warum mühe ich mich denn so vergeblich?“1 - Warum? Was werden die Notfallseelsorger in Südfrankreich denen sagen, die diese Frage voller Verzweiflung stellen? Die, die für den Trost Gottes einstehen sollen, die müde gewordene, verzweifelte Menschen aufrichten sollen, sie haben doch auch keine Antwort angesichts all dieser sinnlos zertrümmerten Leben. - Sie sind dort, um die „müden Hände zu stärken und die wankenden Knie festzumachen“2, doch welchen Trost können sie geben, wie sollen sie das Unbegreifliche erklären? - Woher sollen sie selbst die Kraft nehmen, um anderen Kraft zum Weiterleben zu geben?
Im 2. Knecht-Gottes-Lied in Jesaja 49 begegnet uns der Knecht Gottes selbst als so ein „Müder“ und Angefochtener: „Ich dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz.“ Gott an der Seite der Trauernden – und einer von ihnen, - könnte man sagen.
Doch nun betritt dieser geheimnisvolle Knecht Gottes erneut die Bühne. Und klingt ganz anders: „Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden.“ Die Müden, das ist einst die Gemeinde im Exil gewesen, - die ohne Hoffnung waren, - aber jetzt kommt da einer zu ihnen und ist bei ihnen, der mit den Müden redet, der Seelsorge an den verwundeten Seelen betreibt, - der zur rechten Zeit die rechten Worte findet, um die aufzurichten, die niedergeschlagen sind. Er kommt, um die zu stärken, die Trost brauchen, denen ein Licht anzuzünden, die in der Dunkelheit versinken. Er ist gesandt von Gott, um ihnen wieder Mut und Hoffnung zu geben. „Gott hat mir eine Zunge gegeben, eine Sprache für die Mühseligen, - Worte, die heilen und die die Dunkelheit, dieses furchtbare „vergeblich und umsonst“ überwinden.

Wer das ist, dieser „Knecht Gottes“, bleibt zunächst im Dunkeln, aber es ist jedenfalls einer, der die Sprache für die Mühseligen nicht aus sich selber schöpft, - sondern der hört, wie Jünger hören, und das „alle Morgen“, Tag für Tag. „Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“ Das ist sein Geheimnis. Dass er, was er den Menschen gibt, nicht aus sich selber nimmt, - sondern ein offenes Ohr hat für Gott. Und mit diesem Ohr empfängt er, was er weitergibt. „Am Morgen weckt er das Ohr mir, dass ich wie die Lehrlinge höre“ - heißt der Vers in der Übertragung von Buber/Rosenzweig. Wie die Lehrlinge, wie solche, die bei Gott selbst in die Lehre gehen, die genau zuhören, was der Meister sagt, die täglich an Gottes Unterricht teilnehmen und - was er sagt - aufnehmen wie ein Schwamm. Sonst wäre auch er längst verdorrt und ausgebrannt. Doch er hat Gottes Stimme im Ohr, sein Wort, das ihn trägt, - und mit dem er andere tragen kann.

Kommt unsere Müdigkeit also vielleicht daher, dass wir viel zu oft reden, ohne vorher zu hören? Ist die Kirche des Wortes, die wir so gerne sein wollen, eine, die dauernd Wörter produziert, ohne selbst auf das Wort zu hören? Weil wir immer schon meinen zu wissen, was Gott uns sagt?

Leicht ist der Weg dieses hörenden und aus der innigen Verbindung mit Gott heraus redenden Knechtes deswegen aber nicht. „Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.“ - Da klingt schon an, dass das, was er hört, nicht unbedingt schön ist. Dass der Weg, auf den ihn das Wort weist, kein leichter Weg ist. Es ist ein Weg, der ihn selbst in das Dunkle führen wird, - in die Verzweiflung: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ein Weg, der Gehorsam braucht, und dem der Knecht nicht ausweicht. Die Botschaft, die er verkündet, ist zwar eine frohe, aber keine bequeme Botschaft. Es ist eine Botschaft, die eine Zukunft eröffnet. Die aber zugleich unsere eigene Heillosigkeit und Hilflosigkeit offenbart, - die Schuld aufdeckt und nicht beschönigt: „Wir hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten.“

Der Knecht Gottes erntet offenbar wenig Begeisterung für seine „frohe“ Botschaft. Er schafft Heil und erntet dafür Schläge: „Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“ Er hält sich selbst dem Zorn der Menschen hin, ihrer Wut, ihrer Verzweiflung. Gott können sie nicht ins Gesicht schlagen, aber ihm. Und er lässt es zu, hält das aus. Und weiß dabei doch: „Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Ich habe mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde.“

Und dann fordert er seine Zuhörer zu einem Rechtsstreit heraus: „Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen?“

Das ist ein mutiges Wort. Der Knecht kann so nur reden, weil er selbst von der Hoffnung getragen ist, dass am Ende das Leben siegen wird. Dass der Weg durch alle Dunkelheit hindurch doch von Gott geborgen und getragen ist – und am Ende der Tod verschlungen ist vom Sieg des Lebens.

Wer ist dieser Knecht, haben wir gefragt, - das Lied selber beantwortet diese Frage nicht. Jesaja weist natürlich nicht einfach so auf Jesus, den er nicht kennt und von dem er noch nichts weiß, - so wie wir ihn kennen und von ihm wissen.

Aber wir werden gar nicht anders können, als ihn in dieser Beschreibung des Gottesknechtes wiederzuerkennen. Wir sehen Jesus, wie er die Mühseligen und Beladenen tröstet, - aber auch, wie er sich immer wieder zurückzieht, um zu höhen auf die Stimme des Vaters. Nicht meine Worte rede ich, sondern das, was mir der Vater im Himmel gegeben hat, so sagt er es deutlich.

Wir erkennen ihn wieder in dem, der frohe Botschaft verkündet, und dafür geschlagen und gepeinigt wird, weil diese frohe Botschaft keine bequeme ist - und nicht die, die die Menschen hören wollten. Sondern eine, unser Schuld und Heillosigkeit aufdeckt, die aber auch aus den alltäglichen Sicherheiten herausruft zu einem neuen Anfang mit Gott in seiner Nachfolge. Und wir erkennen den wieder, der auf Golgatha hingerichtet wird - und am Ostermorgen doch gerecht gesprochen und lebendig gemacht von Gott.

Heute trifft diese Botschaft nun uns. Worte des Trostes und der Hoffnung für die, die müde, traurig und frustriert sind, die aufgerichtet werden müssen, auch heute wieder. Du bist nicht abgeschrieben, du glaubst und hoffst nicht vergeblich. Gott ist da, und er ist es irgendwie selbst in diesem Trümmerfeld, in deiner Traurigkeit und Fassungslosigkeit, Gott ist da, - auch wenn wir ihn jetzt nicht sehen. Amen.

1Hiob 7,3

2Jesaja 35, 3