22.3.2015 - Judika - Lukas 22, 54-62 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Judika, 22.3.2015 Gö/Volk: Lukas 22,54-62:

54 Sie ergriffen Jesus und führten ihn ab und brachten ihn in das Haus des Hohenpriesters. Petrus aber folgte von ferne.
55 Da zündeten sie ein Feuer an mitten im Hof und setzten sich zusammen; und Petrus setzte sich mitten unter sie.
56 Da sah ihn eine Magd am Feuer sitzen und sah ihn genau an und sprach: Dieser war auch mit ihm.
57 Er aber leugnete und sprach: Frau, ich kenne ihn nicht.
58 Und nach einer kleinen Weile sah ihn ein anderer und sprach: Du bist auch einer von denen. Petrus aber sprach: Mensch, ich bin's nicht.
59 Und nach einer Weile, etwa nach einer Stunde, bekräftigte es ein anderer und sprach: Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer.
60 Petrus aber sprach: Mensch, ich weiß nicht, was du sagst. Und alsbald, während er noch redete, krähte der Hahn.
61 Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.
62 Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.

Liebe Gemeinde!

Herr, ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen.“ - So überliefert Lukas uns den Treueschwur des Petrus. Da hat er – so muss man das doch wohl deuten – sehr konkret vor Augen, was in den nächsten Stunden und Tagen auf sie und ihn zukommen könnte. Das ist nicht eine vage Ahnung von Gefahr, die sich zusammenbraut, - sondern eine sehr konkrete Vorstellung über den Preis, den ihre Freundschaft mit Jesus sie sehr bald kosten könnte, - Jesus spricht dann auch noch davon, dass sie sich Schwerter kaufen sollten, - ein bisschen rätselhaft angesichts dessen, dass er kurz darauf Waffengewalt ablehnt. Aber es zeigt doch immerhin, wie dramatisch sich die Lage zuspitzt.

Und dann – in diesen hochaufgeladenen Zusammenhang hinein – auch noch diese niederschmetternde Ankündigung: „Petrus, ich sage dir: Der Hahn wird heute nicht krähen, ehe du dreimal geleugnet hast, dass du mich kennst.“

Ich finde – ehrlich gesagt – dass Petrus zunächst mal sehr mutig ist. Dass er seinem Treueschwur alle Ehre macht. Jesus war verhaftet worden, Lukas berichtet von einer „Schar“, also einer ziemlichen Menge von Leuten, er bezeichnet sie als „Hohenpriester und Hauptleute des Tempels und Älteste“, - es ist also hier noch keine Angelegenheit der römischen Besatzungsmacht und der römischen Soldaten, sondern eher der Schweizer Garde des jüdischen Tempels. Aber die Römer werden bald darauf ins Spiel kommen, und Petrus konnte nicht wissen, ob nach Jesus als dem Anführer einer Art terroristischen Vereinigung gefahndet wurde, und wer noch alles auf der Fahndungsliste stand.

Dass er versucht, in Sichtweite des verhafteten Freundes und Lehrers zu bleiben, ist mutig. Da riskiert er einiges – durchaus treu gegenüber dem, was er versprochen hatte. Folgte er erst noch „von ferne“, so setzt er sich jetzt mitten unter die Wachleute, mit zitternden Händen vermutlich und schlotternden Knien, so stelle ich mir das vor.

Aber dann passiert es eben. Er bleibt nicht unerkannt. Eine Magd sieht ihn dort am Feuer sitzen, sieht ihn „genau“ an und behauptet: „Dieser war auch mit ihm, mit diesem Jesus“. Gut, es ist nur eine Magd, - eine Frau, - deren Wort galt zur damaligen Zeit nicht viel, da hätte er sich vielleicht noch keine Sorgen zu machen brauchen. Aber diese Magd macht eben genau den Unterschied, - zwischen einer Gefahrensituation, die ich mir nur vorstelle, und die mich dann zu großen Treueschwüren herausfordert, - weil das ja gar nicht anders sein kann, - und einer, in die ich konkret hineingerate. Und in der ich dann merke, wie stark bzw. wie schwach ich tatsächlich bin. Ich stelle mir vor, Petrus traut den eigenen Ohren nicht, als er da plötzlich jemanden mit seiner Stimme sagen hört: „Frau, ich kenne ihn nicht.“ Das hätte er wohl nicht für möglich gehalten, er, der Fels in der Brandung.

Man könnte das „enttäuschend“ nennen, und niemand wird wohl mehr enttäuscht gewesen sein als Petrus selbst. Aber „Enttäuschung“ ist ja eigentlich ein positives Wort: Eine Täuschung, in dem Fall eine Selbsttäuschung wird aufgedeckt, - und an ihre Stelle tritt die Realität. Und es ist wohl allemal gesünder – wenn auch vielleicht nicht angenehmer – den Realitäten ins Auge zu blicken als mit einer Täuschung zu leben. Jesus hatte Petrus, dem Fels, ja längst bis auf den Grund seines Herzens geschaut. Und ihn dennoch nicht abgeschrieben: ER wusste, was passieren würde. Und wie wenig verlässlich sein Fels tatsächlich sein würde.
Immerhin: Petrus läuft nicht weg, er bleibt. Der Dritte, der ihn anspricht, tut das nach etwa einer Stunde, berichtet Lukas, - Petrus bleibt also in der Gefahrenzone, - er hatte dabei viel Zeit, über seine Lüge, seinen Verrat nachzudenken, - und trotzdem wird er es am Ende wieder tun.

Um es mal ganz konkret zu machen: ich habe keinen Fisch am Auto. Keinen SELK-Fisch und auch keinen ganz allgemein christlichen. Manche sagen, so ein Fisch passe nicht zu ihrem Fahrstil. Ich könnte mich mit meiner Bequemlichkeit rausreden. Fakt ist: ich gebe mich an der Stelle nicht als Christ zu erkennen. Ich trage auch kein Kollarhemd, - oder sagen wir: äußerst selten und nur, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt. Andere Amtsbrüder laufen ständig mit Kollarhemd rum, sind somit auch immer als Pfarrer zu erkennen. Was ja auch viel für sich hat. Ich mag das nicht, in bin auch gern mal ganz privat, ganz unerkannt unterwegs. Ich erspare mir damit das: „Du bist auch einer von denen.“ Es würde mich gar nicht viel kosten. Vielleicht gelegentlich mal ein spöttisches Lächeln. Aber eine reale Bedrohung für einen, der sich als Christ bzw. gar als Berufschrist zu erkennen gibt, besteht ja bei uns nicht. Ist es also Feigheit, oder Bequemlichkeit. Bleibe ich meiner Mitwelt ein Zeichen schuldig? Und meinem Herrn ein klares Zeugnis? So wie Petrus?

Und wie ist das bei euch? Wie erkennbar seid ihr als Christen, als Jünger und Gefolgsleute des Herrn Jesus? Kann man euch auch nachsagen: Deine Sprache, dein Denken, deine Taten verraten dich, - bezeugen, dass du einer von den Jesusleuten bist? Oder sind wir allesamt so angepasste Weltkinder, dass wir gar nicht weiter auffallen? Ich finde, an der Stelle lohnt es sich, für jeden von uns, noch mal tiefer zu bohren. Ist es vielleicht gerade die Stunde, dass wir als Christen auch außerhalb des Gottesdienstes viel deutlicher erkennbar werden müssen, widerständiger sind in einer Welt, die christliche Werten immer weniger folgt. Es müssen ja nicht unbedingt die Textilien sein, die uns erkennbar machen. Jesus sagt ja selbst: An euren Früchten wird man euch erkennen. An dem, was ihr tut und sagt, daran, wie ihr lebt.

Auf vielen Kirchtürmen sieht man ein Kreuz, auf vielen anderen einen Hahn. Der erinnert daran, dass das Wort Gottes in der Gesellschaft nicht verschwiegen, seine Wahrheit nicht verraten werden darf. Dass die Kirche – und die Christen – sich schuldig machen, wenn sie sich verstecken oder ihren Herrn verleugnen. Dabei werden Handlungsfelder und die Möglichkeiten, die jeder und jede von uns haben, sehr verschieden sein. Dem einen ist eher das Wort geben, dem anderen eher das Zeugnis der Tat. Leitmotiv könnte sein, was Paulus sagt, - dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst sei – ein christliches Zeugnis könnte also auch sein, dass ich treu meine Arbeit tue, ganz bewusst und erkennbar, um anderen damit zu dienen, - so wie Luthers berühmtes Wort von der Magd, die die Stube fegt, es andeutet.

"Es ist ungemein wichtig und nützlich, selbst in einem kleinen Wirkungskreis als gutes Beispiel zu wirken, denn auf diese Weise beeinflusst man Dutzende und Hunderte von Menschen", sagt Dostojewski, russischer Dichter und Schriftsteller, - ein Wort, das einen deutlichen Gegenpol gegen das resignative und oft gehörte „Was kann ich schon ausrichten?!“ setzt. Nein, wenn ich etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes ausstrahle, dann wird das seine Wirkung haben.

Doch kehren wir zurück zu Petrus. Als der Hahn kräht, ist es für ihn zunächst mal zu spät. Jetzt erst wird er sich seines Versagens ganz bewusst. Lukas verändert an der Stelle plötzlich die Blickrichtung, - es ist so eine Art Kameraschwenk: „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe heute der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“

Da richtet sich der Blick des Evangelisten und unser Blick also plötzlich auf Jesus. Der sieht Petrus an, - und ich stelle mir vor, wie es in diesem Moment größter Scham zu einem intensiven Blickkontakt zwischen den beiden gekommen ist. Was für ein Blick mag das gewesen sein? Ich stelle mir vor, dass Jesus sehr traurig auf seinen Jünger geblickt hat, - und dass Petrus vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Ich denke aber, dass auch viel Liebe in diesem Blick gelegen haben wird. Liebe und das Wissen darum, wie schwach wir sind.

Beim Abendessen, dem Abschiedsmahl, hatte Jesus gesagt: „Simon, Simon, siehe, der Satan hat begehrt, euch zu sieben wie den Weizen. Ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dereinst dich bekehrst, so stärke deine Brüder.“

Wenn der Weizen gesiebt wird, - die Spreu vom Weizen getrennt wird, - dann ist das etwas sehr Endgültiges. Aber Jesus redet nicht von einem Ende, vom Gericht, - sondern davon, dass er für uns betet, dass unser Glaube nicht aufhören soll. Auch in einem solchen Moment tiefsten Versagens nicht. Das – denke ich – wird auch in diesem Blick gelegen haben. Dass Petrus auch jetzt gehalten ist, und weiter leben und weiter glauben und Jünger sein darf. Und sogar eine neue Perspektive bekommt: Wenn du dereinst dich bekehrst, dann stärke deine Brüder. Stärke sie mit der Erfahrung deines Versagens und mit der Erfahrung, dass ich dich nicht losgelassen, nicht fallen gelassen habe. Damit, dass nicht unsere Heldentaten am Ende bestehen bleiben, sondern die Liebe und Vergebung Gottes, die uns über den Abgrund trägt.

Petrus geht hinaus und weint bitterlich. Doch der Blick Jesu geht ihm nach. Es ist ein Blick voller Liebe. Amen.