8.3.2015 - Okuli - Jeremia 20, 7-13 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Okuli, 8.3.2015 Gö: Jeremia 20, 7-13

7 HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

9 Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.«

11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden.

12 Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.

13 Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!

Liebe Gemeinde!

Ich möchte heute etwas tun, was ich – glaube ich – noch nie gemacht habe: ich möchte meiner Predigt eine Gliederung geben, und diese auch benennen.

In folgenden Schritten werde ich mich mit euch gemeinsam dem Text nähern:

1. Das Leiden als Realität des Glaubens.

2. Das Leiden des Propheten an seinem Volk

3. Das Leiden des Propheten mit seinem Volk.

Als erster Schritt also: Das Leiden als Realität des Glaubens: In diesen Worten des Jeremia lernen wir ihn kennen als einen, der Prophet geworden ist gegen seinen Willen, und der ein Leben lang unter diesem Amt gelitten hat. „Confessionen“ nennt man diese sehr besonderen Texte, die es in dieser Form tatsächlich nur bei Jeremia gibt, - sonst treten die, denen wir die Botschaft der Bibel verdanken, als Person ganz hinter eben dieser Botschaft zurück. Bei den Evangelisten wissen wir nicht einmal genau, wer sie wirklich waren, die Namen sind ihnen erst später zugeschrieben worden, und auch bei den alttestamentlichen Propheten wissen wir, was sie gesagt haben und womit sie sich auseinandergesetzt haben, - wie es ihnen aber damit ging, - erfahren wir kaum, die Confessionen des Jeremia sind da eine Ausnahme.

Und es ist so gut, dass wir sie haben. Es ist gut, dass wir in ihnen das Zeugnis aus erster Hand dafür haben, dass ein Mensch, der an Gott glaubt und der sich in den Dienst Gottes stellt, damit nicht nur auf einer Welle des Glücks reitet, sondern auch ins Leiden geführt werden kann.

Jeremia gibt uns ein wenig Anteil daran, wie es ihm ergangen ist und ergeht in seinem Dienst: „Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; ich wollte ja gar nicht dein Prophet sein, ich hab mir gleich gedacht, dass das kein Beruf ist, in dem ich glücklich werde. Aber ich habe mich überreden lassen, - und bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.“

Leiden sei eine Realität des Glaubens, so habe ich diesen Teil überschrieben, - wir werden uns sicher nicht mit Jeremia vergleichen können, aber Stunden der Niedergeschlagenheit, der Verzweiflung, der Angst, - die kennen wir auch, viele von uns jedenfalls. Dass Jeremia uns teilhaben lässt an seinen Anfechtungen, an seiner Klage, dafür können wir ihm nur dankbar sein. Denn das zeigt ja, dass wir solche Gefühle nicht als etwas Unanständiges verdrängen oder unterdrücken müssen, dass wir uns solcher Gefühle nicht schämen müssen, sondern dass das etwas ist, was zum Glauben dazugehört, und auch benannt werden darf, gerade auch vor Gott.

Das Leiden des Propheten an seinem Volk“ - so soll der zweite Teil nun überschreiben sein.

Jeremia ist bekannt und verrufen als der Botschafter der schlechten Nachrichten, der düsteren Prognosen, - eine Spaßbremse durch und durch. Verspottet hat man ihn dafür, und geglaubt hat man ihm wenig, - die Propheten, die Heil und Wohlstand ansagten, die hatten viel eher ein geneigtes Publikum.

Jeremia weiß das, und er leidet darunter, unter der Ablehnung, der Einsamkeit, den Nachstellungen: „Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« Aber er weiß keinen Ausweg: „Da dachte ich: Ich will nicht mehr an Gott denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.“

Ein Wort wie Feuer, das ihn nicht loslässt, das er nicht in sich verschließen kann, - das er sagen muss, koste es, was es wolle. Seine Wut und Verzweiflung bricht schließlich aus ihm heraus: „Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. Und nun, HERR Zebaoth, der du die Gerechten prüfst, Nieren und Herz durchschaust: Lass mich deine Vergeltung an ihnen sehen; denn ich habe dir meine Sache befohlen.“

Das erinnert sehr an die Psalmen, die wir Rachepsalmen nennen, mit denen wir oft so unsere Schwierigkeiten haben, - wobei man ihnen zugute halten kann, dass sie einerseits ja erkennen lassen, dass der Beter auf die eigene Rache verzichtet, indem er sie Gott in die Hände legt. Andererseits zeigen sie eben auch, dass solche Gefühle in uns sind, - und die Bibel das nicht verschweigt, - sondern offen ausspricht. Sie sind also ein Beitrag zum Thema Ehrlichkeit des Glaubens.

Aber es ist nicht nur die Leidensgeschichte dieses Propheten, es ist auch die Leidensgeschichte seiner Botschaft, die Leidensgeschichte des Wortes: Baruch hatte alles aufgeschrieben, - und öffentlich vorgetragen, - und seine Zuhörer erkannten die Brisanz seiner Worte. Die Schriftrolle wird schließlich tatsächlich dem König vorgelesen, - doch der zerschneidet sie und wirft sie ins Feuer, - Abschnitt für Abschnitt. Und so ist die Leidensgeschichte des Propheten an seinem Volk ein Spiegel auch des Leidens Gottes an seinem Volk.

Die Oberen jedenfalls wollen nichts von dem wissen, was Gott ihnen vorhält – dass der König die Schriftrolle verbrennt, verschlägt einem aufgrund der Dreistigkeit den Atem, es zeigt überdeutlich, wie wenig ihn das kümmert, was Gott ihm zu sagen hat. Das Überraschende daran ist aber eigentlich, dass Gott das mit sich und seinem Wort machen lässt. Das erinnert schon sehr daran, wie Jesus sich später quälen und schlagen lässt, ohne zurückzuschlagen.

Das führt uns zum dritten Teil: „Das Leiden des Propheten mit seinem Volk“. Dass die Menschen sich halsstarrig den Warnungen Gottes verweigern bleibt natürlich nicht ohne Folgen. Im Jahr 597 vor Christus überfällt der babylonische König Nebukadnezar das Land und zerstört Jerusalem. Die Oberschicht wird weggeführt ins Exil. Für Jeremia hätte das eine große Genugtuung sein können, - hatte er doch mit seinen Warnungen am Ende recht behalten – und jedermann musste das nun zugeben. Während die Heilspropheten ihrer Lügen überführt sind.

Doch wir sehen Jeremia nicht, wie er schadenfroh den Weggeführten nachwinkt, sondern er geht selbst mit ins Exil. Hatte er zunächst an seinem Volk gelitten, so leidet er nun mit seinem Volk. Hatte er sich früher hervorgetan als einer, der mit Drohungen und Warnungen nur so um sich warf, - so ist er es nun, der den Menschen Mut macht und Hoffnung gibt, - der sie nicht im Stich lässt, sondern mit ihnen den bitteren Weg in die Gefangenschaft geht, um sie wieder aufzurichten, um ihre Hoffnung am Leben zu erhalten. Und auch dies spiegelt für mich das Leiden Gottes wider, das Leiden Gottes mit seinen Menschenkindern, die ihm den Rücken gekehrt haben, und die er doch nicht loslassen will. Am Ende wird ihn diese ganz unbegreifliche Liebe zu uns den geliebten Sohn kosten. Unüberbietbar bekennt das Johannes in seinem Evangelium, - es war Predigttext am vergangenen Sonntag:

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eigenen Sohn gibt, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Amen.