1.3.2015 - Reminiszere - Johannes 3,14-21 (Perikopenrevisionsentwurf) PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Reminiscere, 1. März 2015 Gö/Volk: Johannes 3,14-21

14 Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden,
15 damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.
17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.
18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.
19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.
20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind.

Liebe Gemeinde!

So lange schon waren sie unterwegs, kreuz und quer durch die Wüste, doch nun wurde es immer mühsamer, die Konflikte nahmen zu, Mose und Aaron hatten die Sache nicht mehr im Griff, - dachten manche. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie einmal schon so dicht dran gewesen sind am verheißenen Ziel, an dem Land, darin Milch und Honig fließt. Kundschafter hatten sie ausgesandt, die hatten Früchte mitgebracht aus diesem Land, und was für welche! - Früchte, von denen man nur träumen konnte. Es musste wirklich ein fruchtbares, reiches Land sein, - ein großartiges Land. Allerdings bewohnt von einem starken und wehrhaften Volk, - von Riesen, wie die Kundschafter berichten.

Doch Mose und Aaron führen sie nicht hinein, ins Land ihrer Träume und Ängste - sondern es geht weiter durch die Wüste, Tag für Tag – die Unzufriedenheit, die Ungeduld und das Murren werden immer lauter: „Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?“1 Auch Gott schien langsam die Geduld zu verlieren, immer wieder muss Mose fürbittend zwischen ihn und sein Volk treten, doch schließlich ist es mit der Geduld Gottes vorbei. „Als sie aufbrachen in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen, wurde das Volk verdrossen auf dem Wege und redete wider Gott und wider Mose: Warum hast du uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier und uns ekelt vor dieser mageren Speise. - Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.“ Die Härte des Gerichts ihres Gottes hatte sie getroffen. Zu oft hatten sie gemurrt und gegen ihn aufbegehrt. Jetzt war nur noch Schadensbegrenzung möglich: „Mose, hilf uns: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.“ Das tat Mose denn auch, und Gott weist ihnen einen Weg der Rettung vor dem sicheren Tod. Er nimmt die Strafe nicht zurück, aber: Eine eherne Schlage, aufgerichtet an einem langen Stab, soll Rettung bringen. „Wer gebissen ist und sieht diese Schlange an, der soll leben.“

Wer gebissen wurde, muss nicht den Notarzt rufen, es muss ihm kein Serum injiziert werden, der Biss der Schlange muss auch nicht ausgesaugt werden, - es reicht, die Schlange auf dem Stab anzusehen.

Eine dunkle, rätselhafte Geschichte, diese Sache mit der erhöhten ehernen Schlange. Eine medizinisch-therapeutische Wirkung wird man ihr kaum zuschreiben wollen, - auch wenn die Schlange seit jeher ein Symbol für die Heilkunst ist, und die Schlange am Stab bis heute ein vertrautes Symbol.

Aber hier geht es wohl eher um so eine Art Vertrauensfrage. Die, die gegen Gott aufbegehrt haben, können sich ihm nun erneut glaubend anvertrauen. Dann sind sie gerettet. Sonst können und müssen sie nichts tun. „Es ist kein Weg denn nur der Glaube!“2

Obwohl die Geschichte so mysteriös ist, gibt sie doch einen guten Hintergrund ab, auf dem wir verstehen können, was Jesus sagt: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Das verbindende Element ist offenbar das „Erhöht werden von der Erde“ - das im Johannesevangelium allerdings einen ganz anderen Sinn hat als den, den wir zunächst vermuten würden. Wir sind es gewohnt, in dem Schema von Erniedrigung und Erhöhung zu denken: Die Erniedrigung des Gottessohnes meint dann seine Menschwerdung, sein Kommen in diese Welt, sein Leben, Leiden und Sterben, - das Kreuz ist der Tiefpunkt dieser Erniedrigung, - die Erhöhung ist der Weg nach oben, seine Auferstehung und Himmelfahrt. Das Johannesevangelium aber redet ganz anders, - da wird Jesus am Kreuz erhöht – so wie jene Schlange einst am Stab erhöht wurde.

Das allein erklärt natürlich noch nichts. Aber nun kommen ja diese sperrigen Worte vom Gericht, die auch nicht sofort einleuchten wollen, weil wir ja mit „Gericht“ irgendeine Art von Veranstaltung nach dieser Zeit und Welt verbinden. Hier dagegen heißt es, wieder ganz anders als gewohnt: „Wer an ihn, nämlich den am Kreuz erhöhten Menschensohn, glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse.“

Bleiben wir zunächst mal bei Licht und Finsternis. Wir alle sehnen uns nach Licht: Gerade in diesen Tagen spüren wir das, nach der dunklen Winterzeit, wie jeder Sonnenstrahl uns nach draußen lockt, ins Licht. Wir genießen es, dass die Tage wieder länger werden, dass es wieder mehr Licht gibt. Aber das ist nur die eine Seite. Die andere ist: Wir brauchen auch die Dunkelheit. Ich behaupte: Jeder von uns hat Bereiche in seinem Leben, die lieber nicht ans Licht kommen sollen. Dinge, die wir lieber vor anderen verbergen. Ob das etwas ist, was wir getan haben, oder eine Eigenschaft, Neid, oder Gier, permanente Unzufriedenheit, es wird niemanden unter uns geben, der von sich sagen kann: Das betrifft mich nicht, ich bin ganz rein: „Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden.“
In der Konsequenz heißt das: Wir alle tragen das Gift der Schlange in uns. Wir alle sind dem Tod geweiht. Sind Kinder des Todes. Das ist die Verbindung zu der Geschichte aus der Wüstenzeit Israels: Wir stehen nicht in einer neutralen Zone, in der wir uns entscheiden könnten ob wir diesen Weg gehen oder jenen, - wir sind die, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes, - und jetzt, genau jetzt reicht Gott uns seine Hand: „Der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn so sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“

Das ist und bleibt ein Stein des Anstoßes und ein Fels des Ärgernisses, es bleibt Skandal oder Torheit: Dass Gott seinen Sohn hingibt, um uns zu retten. Es hätte doch einen leichteren, einen billigeren Weg geben müssen, Gott, der alles weiß und alles kann, hätte doch einen Weg finden müssen, der ihn selbst nicht so schmerzt. Dieses Rätsel werden wir nicht lösen können. Es zeigt uns aber: Wir sind teuer erkauft, unendlich teuer.

Aber darum geht es nicht, nicht jetzt. Sondern: „Wer an den Sohn glaubt, der am Kreuz erhöht ist, der sein Leben gibt zum Lösegeld für viele, - der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. Das ist das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.“ Gericht heißt „Scheidung“: den Weg gehen, den Gott uns zeigt, - oder ihn nicht zu gehen.

So wie einst Naaman, der vom Aussatz befallen war, und Gott zeigte ihm durch Elisa den Weg zu Heilung: „Geh hin und wasche dich siebenmal im Jordan, so wirst du rein werden.“3 Aber das war ihm zu billig, zu wenig spektakulär, und so wollte er diesen Weg der Heilung nicht nutzen. „Ich meinte, der Prophet selbst sollte zu mir herauskommen und hertreten und den Namen des HERRN, seines Gottes, anrufen und seine Hand hin zum Heiligtum erheben und mich so von dem Aussatz befreien.“ - Seine Diener mussten einiges aufwenden, um ihn zu überreden, es doch wenigstens zu versuchen.

So ist es nun auch mit dem am Kreuz erhöhten Christus: Manche mögen ihn nicht sehen. Wollen keinen Weg zum Heil, der mit dem Blut des Menschensohnes zu tun hat. Immer wieder ist mir das begegnet, dass Menschen diesen Weg weit von sich weisen. Einen anderen wollen, oder meinen, ein solches Opfer gar nicht nötig zu haben. Das hätte den Israeliten damals auch offen gestanden: zu sagen: Diese blöde eherne Schlange anschauen, das will ich nicht. Das habe ich nicht nötig. Dann wären sie an ihrem Gift gestorben.

Es ist, wie Johannes es am Anfang seines Evangeliums sagt: Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat's nicht ergriffen. „Die ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, das sind die, die von Gott geboren sind.“

14. Mose 20,5

2Preis, Lob und Dank sei Gott dem Herren, ELKG 206

32. Könige 5,10