22.2.2015 - Invokavit - 1. Mose 3, 1-24 (Bildpredigt) PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Invokavit, 22.2.2015: 1. Mose 3, 1-19 (20-24)(das Bidl findet man im Internet z.B. hier: https://www.flickr.com/photos/27886632@N08/3269654800)

Liebe Gemeinde!

Das Bild, das wir vor uns haben, ist ein schönes Beispiel dafür, welche Funktion Bilder in der Kirche haben können und hatten. Es erzählt eine ganze Geschichte. Bevor wir dieser Geschichte zuhören, möchte ich aber zunächst etwas von der Geschichte dieses Bildes erzählen.

Es stammt von Lukas Cranach dem Jüngeren, dessen 500. Geburtstag im Oktober dieses Jahres den Anstoß zu diesem Themenjahr „Bild und Bibel“ gegeben hat. Das Bild ist ein Teil des Kemberger Altars; Kemberg ist eine Kleinstadt nahe Wittenberg, - und die Bilder dieses Altares wurden im Jahr 1565 von Lukas Cranach eigens für diesen Altar der Evangelischen Stadtkirche St. Marien gemalt.

Leider existiert dieser wertvolle und wunderschöne Altar nicht mehr, 1994 wurde er durch einen Schwelbrand weitgehend zerstört, nur der linke Flügel blieb erhalten.

Das Bild zeigt die Rückseite des linken Altarflügels, die nur sichtbar war, wenn der Altar geschlossen war. Auf der Rückseite des rechten Flügels war die Sintflut dargestellt, - zwei Szenen also, in denen es um Schuld und Gericht geht. Im Vordergrund stehen Adam und Eva unter dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, - eine rattenköpfige Schlange windet sich um dessen Zweige, - durch die Rinde des Baumes geht ein Riss von unten nach oben, - ob er den Riss andeuten soll, der schon jetzt durch Gottes gute Schöpfung geht? Eva hält die verbotene Frucht in ihrer Hand – eingefangen ist also der Moment des Sündenfalls.

Doch das Bild zeigt viel mehr. Die ganze Geschichte der Erschaffung des Menschen wird gezeigt, es ist eine Bildergeschichte, der Vergleich mit modernen Bibelcomics scheint unangemessen - wegen des künstlerischen Wertes dieses Gemäldes, ist aber auch nicht ganz abwegig: Links neben dem Kopf Adams sehen wir seine Erschaffung, Gott wird hier als alter Mann mit langem Bart und wallendem Gewand dargestellt, wie er Adam aus der Erde erschafft, - rechts neben dem Kopf der Eva sehen wir deren Erschaffung aus dem schlafenden Adam. Ein gütiger Gott, freundlich und liebevoll schaut er auf seine Menschenkinder, seine Hände wirken behutsam und zärtlich.

Das ganze Bild wimmelt vor Leben, - da stolzieren Störche in einem flachen Teich, ein Einhorn springt umher, ebenso ein Wildschwein, ein Hirsch liegt ruhend, ein Bär lässt sich erahnen, von ihm sieht man nur das Hinterteil - Gänse und Hühner kann man erkennen, und einen Fuchs, der ihnen friedlich zuschaut, da ist die Welt noch in Ordnung. Ein brüllender Löwe rennt durch die Szene, Vorzeichen drohenden Unheils? „Euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.“1 Ich habe ein Weilchen suchen müssen, - aber schließlich habe ich es gefunden, es durfte auf diesem Bild auch nicht fehlen, - das Kaninchen, in der kirchlichen Ikonographie Symbol für die Wollust. Alles in allem eine paradiesische Szene, mit der Andeutung bevorstehenden Unheils, - denn von einem Moment auf den anderen wird sich das Bild total ändern.

Diesen Moment schildert die Bibel so:

Aber die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der HERR gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.
Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte.“

Das Bild zeigt den Moment unmittelbar vor dem verhängnisvollen Biss. Jetzt ist nicht mehr Gott ganz nah bei den Menschen, sondern die Schlange. Eva hält die Frucht in ihrer Hand, schon gepflückt, aber noch unversehrt. Interessant der Gesichtsausdruck der beiden: In Evas Augen finde ich etwas wieder von der „Lust für die Augen“, - und der Verlockung der Frucht, weil in ihr die Verheißung liegt, zu sein wie Gott. Aber auch eine gewisse Unsicherheit, Adams Blick wirkt auf mich etwas traurig, oder fragend – unsicher, - und ängstlich: Was wird geschehen? Tatsächlich verändert der nächste Moment alles.

Und Eva nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.
Und sie hörten Gott den HERRN, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des HERRN unter den Bäumen im Garten.
Und Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und ER sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du nicht gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
Da sprach Gott der HERR zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, so dass ich aß.
Da sprach Gott der HERR zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht, verstoßen aus allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Erde fressen dein Leben lang.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen; der soll dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du genommen bist. Denn du bist Erde und sollst zu Erde werden. ...
Und Gott der HERR sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!

Dieser ganze lange Abschnitt, als Gott die Menschen zur Rede stellt, ist auf dem Bild nicht dargestellt. Erst der letzte Akt ist dann wieder ins Bild gesetzt, - wir sehen Adam und Eva, die vor dem Engel davon laufen, der sie mit dem feurigen Schwert bedroht und aus dem Paradiesgarten vertreibt:

Da wies ihn Gott der HERR aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.“

So endet die Geschichte der Menschen im Paradies, - aber nein, nicht ganz: Einen Vers nämlich habe ich unterschlagen, der heißt:
„Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben. Und Gott der HERR machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.“

Jenseits von Eden gibt es also eine Zukunft, - keine leichte, - eine mit Schmerzen und Verlangen, mit Dornen und Disteln. Eva – Leben, - in diesem Namen liegt die Verheißung, dass es weitergeht, und es wird sogar mit Gott weitergehen: Er entlässt seine Menschenkinder nicht schutzlos in die raue Welt, - er selbst macht ihnen Kleidung aus Fellen, nicht nur gegen die Kälte, sondern auch um ihre Scham zu bedecken. Gottes Fürsorge begleitet auch die schuldig gewordenen Menschen, - die, die sich gegen ihn aufgelehnt haben. Interessant eigentlich, dass der biblische Text das gar nicht mehr thematisiert, da, wo Gott die Menschen zur Rede stellt. Nicht ihre Motive kommen da zur Sprache, nicht der Hintergrund, mit dem die Schlage sie gelockt hatte, sondern nur die reine Tat. Aber der Leser oder Hörer erkennt sie auch so wieder, die drei uralten Menschheitsspiele, das Gottverdrängespiel, das Todesverdrängespiel, und das Sündeverschiebespiel.

Alle drei kennen nur Verlierer: Freiheit – Wissen und Macht – so zu sein wie Gott, ja an seiner Stelle zu sein - das war die Verlockung, von der sich die Menschen verführen ließen, - Scham und Tod und der Verlust ihrer paradiesischen Welt ist die bittere Wirklichkeit. Und doch ist das nicht das Ende.

Cranach hat ein für uns rätselhaftes Detail in sein Bild eingefügt: ganz vorn, gleich hinter Adam und Eva, liegt ein Hirsch mit einem prächtigen Geweih. In der damaligen Bildsprache war das ein ganz gängiges Symbol: aufgrund seiner majestätischen, kraftvollen Erscheinung ist der Hirsch einerseits Symbol für Männlichkeit, Stärke und Führungskraft: wir kennen bis heute den Begriff „Platzhirsch.“
Die Psalmen greifen auf dieses Bild zurück, um damit die nach Gott verlangende Seele zu beschreiben: Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, nach dir. - Der Hirsch galt aber vor allem auch als das Tier, dass Schlangen tötet , - so identifizierte man den Hirsch mit Christus, der seinerseits dem Teufel, der durch die Schlange symbolisiert wird, den Kopf zertritt – auch wenn er dabei an ihrem Gift stirbt.

Wie deutet also Cranach in seinem Bild die biblische Geschichte? Ich denke, einerseits als Warnung: Noch haben Adam und Eva nicht in die Frucht gebissen, noch ist es möglich, die schlimme Tat mit all ihren zerstörerischen Folgen zu unterlassen.
Das ist das eine. Das andere ist, dass es Hoffnung gibt, Hoffnung für die verlorenen Sünder, - denn Christus ist da, symbolisiert durch den Hirsch, - Christus ist nah, - der das Böse besiegt und die Tür zum Paradies wieder aufschließt. Zu sehen war dieses Bild in den „geschlossenen Zeiten“ - dann, wenn der Flügelaltar geschlossen war, in den Bußzeiten also: Zeiten, das Leben zu bedenken, zu ändern, Zeiten, umzukehren - zurück zu Jesus Christus. Amen.

11. Petrus 5,8