15.2.2015 - Estomihi - Markus 8,31-39 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Estomihi, 15.2.2015 Gö: Markus 8,31-38
31 Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.
33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.
34 Und er rief zu sich das Volk samt seinen Jüngern und sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten.
36 Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?
37 Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?
38 Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Liebe Gemeinde!

Als er das sagte, das mit dem Leidenmüssen und sterben, - da war Jesus mit seinen Jüngern ganz weit im Norden unterwegs, in der Gegend von Cäsarea Philippi, - Luftlinie von dort nach Jerusalem so etwa 180 Kilometer, - zu Fuß waren sie also noch viele, viele Tagesreisen von dort entfernt. Cäsarea Philippi, viel weiter weg von Jerusalem als da konnte man gar nicht sein. Distanz – Sicherheitsabstand, könnte man sagen.

Ich nehm das auch als Platzanweisung für mich. Niemand muss sich da neben mich stellen, - aber wenn Jerusalem der Ort des Leidens ist, - dann ist die Gegend von Cäsarea Philippi der Ort, wo das Leiden noch weit weg ist, - ich schätze, dass man Jerusalem, obwohl es auf dem Berg liegt, von dort aus nicht mal sehen konnte, höchstens ahnen. Man wusste wohl die Richtung, man wusste, dass es da irgendwo liegen muss, - aber zu sehen war es da nicht.

Das gefällt mir erst mal ganz gut, wenn Jesus dann vom Leben erhalten und Leben verlieren spricht, vom sich selbst verleugnen und vom Kreuz tragen, - das alles mag ich nämlich nicht, und in Cäsarea Philippi ist das alles auch erst mal nur eine theoretische Angelegenheit.

Ausgerechnet hier fragt Jesus seine Jünger: Was sagen die Leute eigentlich, wer ich sei? Auch diese Frage bietet Distanz und Sicherheitsabstand, - was die Leute reden, darüber kann man sprechen, ohne sich die Finger zu verbrennen, - doch damit ist es ganz schnell vorbei: Und ihr – fragt Jesus dann nämlich ganz direkt – und ihr, was meint ihr denn selber? Da müssen sie nun Farbe bekennen, - da müssen sie sich festlegen. Und Petrus tut es, für sie alle: Du bist der Christus. Bei Matthäus klingt das noch vollmundiger: Du bist Christus, Sohn des lebendigen Gottes.

Ein großes Wort, ein großes Bekenntnis, - Petrus hat sich damit weit aus dem Fenster gelehnt, - zu weit vielleicht, - aber hier, mit dem großen Sicherheitsabstand von Jerusalem, noch dazu in der Gegend, aus der er selber stammt, auf heimischem Boden also, mit sicherem Grund unter den Füßen, - da kostet ihn dieses Bekenntnis nicht viel. So wie es uns – in unserer liberalen Gesellschaft – nicht viel kostet, uns als Christen zu outen.

Aber was heißt das: Du bist der Christus? Der Messias. Was mag Petrus mit diesem Etikett verbunden haben? Wenn wir ihn in diesem Moment danach gefragt hätten, wie hätte er wohl geantwortet? Hätte er präzise sagen können, was er meint? Oder wäre er ins Stammeln gekommen: Äh, ja also, so genau weiß ich das eigentlich auch nicht. Das kennen wir ja auch, - wenn jemand fragt: Ach, du bist Christ, - ja erzähl doch mal, was macht man denn da so? Was glaubst du, wie lebst du? Was bedeutet dir das, - Christ zu sein, warum bist du Christ, - gar nicht so einfach, darauf vernünftige Antworten zu geben. Und in solchen Momenten mag der eine oder die andere von uns schon in der Versuchung gestanden haben, sich „seiner oder seiner Worte zu schämen unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht.“

Was auch immer Petrus geantwortet hätte: Er wird sehr bald feststellen, dass er selbst mit seinem großen Bekenntnis noch ganz an der Oberfläche kratzt, - noch nicht bis in die Tiefe vorgedrungen ist. Deshalb sollen die Jünger andern auch erst mal nichts weitersagen von dem, was Petrus so ahnungslos und missverstehend bekannt hat. Denn das müssen sie selbst erst noch begreifen: Dass der Christus nicht in sicherer Entfernung bleiben kann, - sondern mitten rein muss ins Leiden, als Arzt der Kranken, unsere Krankheit zu tragen, und die Strafe auf sich zu nehmen, auf dass wir Frieden hätten.

Jesus deutet das jetzt nur an: „Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.“

Menschensohn, damit knüpft Jesus an an alttestamentliche Traditionen, die den Menschensohn als den kommenden Richter beschreiben: „Der Menschensohn wird kommen in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln“, - wenn Jesus sich selbst so bezeichnet – meinen sie etwas zu ahnen vom himmlischen Glanz dieses Titels. Da hätte Petrus sich bestimmt wiedergefunden, und auch Jakobus und Johannes knüpfen da an, wenn sie für sich schon mal die Posten zu seiner Rechten und zu seiner Linken klarmachen wollen.

Dass der Menschensohn aber leiden muss, dass er den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten ausgeliefert wird und getötet werden wird, - das will für sie nicht gut zusammenpassen mit dem glanzvollen Bild in ihren Köpfen und Herzen. Und so nimmt Petrus ihn beiseite und „wehrt“ ihm. Dieses Wort „wehren“, das führt uns in die Sprache und Gedankenwelt der Dämonenaustreibung, - zwei Verse weiter wird dasselbe Wort mit „bedrohen“ übersetzt: „Jesus „bedrohte“ seine Jünger und besonders Petrus, - so wie er den Sturm und die Wellen bedroht, und wie er böse Geister bedroht und austreibt. Das mit den Dämonen sind uns vielleicht ganz fremde und merkwürdig scheinende Vorstellungen, es zeigt aber etwas von der Dramatik dieser Szene, von dem Kampf, der hier gekämpft wird, - von dem Ringen, - der deutsche Luther-Text gibt das nur unzureichend wider.

Hier ist es also zuerst Petrus, der bei Jesus den bösen Geist der Selbstzerstörung austreiben will. Petrus fährt Jesus an, als sei der besessen - und dann ist es Jesus, der die Gespenster der Verlustangst und es Eigensinns bei seinen Jüngern bändigen und austreiben will: „Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ Vielleicht ist es bei Jesus auch hier schon ein Ringen darum, selbst nicht in Versuchung zu geraten und auszuweichen vor dem Weg, der ihm bestimmt ist. Dass er Petrus als Satan bezeichnet, lässt ja etwas anklingen von der Versuchung, die er selbst am Beginn seines Weges zu durchstehen hatte – und die ihm wieder begegnen wird in der Nacht im Garten Gethsemane. Denn – ja! - die Versuchung ist groß, dem Leiden auszuweichen, Jesus erlebt das, und Petrus wird das selbst alsbald erfahren, als man ihn beschuldigt: Du gehörst auch zu ihm, und er nichts anderes kann - als zu versuchen, die eigene Haut zu retten: Ich kenne diesen Menschen nicht!

Aber noch sind wir ja in sicherer Entfernung, - nur dass hier schon deutlich wird: Mit Lippenbekenntnissen ist es nicht getan, - die Frage, die im Johannesevangelium in anderem Zusammenhang formuliert ist, die steht auch hier unübersehbar im Raum: Wollt ihr auch weggehen? Wollt ihr weggehen, jetzt, wo die Zeit der sicheren Entfernung zuende geht, wo es keinen Ausweg mehr gibt, wo der Weg, mein Weg, euer Weg unmittelbar mitten hinein ins Leiden führt? - Das „Weg von mir, Satan!“ heißt wörtlich übersetzt eigentlich: „Weg, hinter mich!“ Petrus soll sich also nicht davonmachen, sondern er soll sich hinter Jesus stellen, soll ihm nachfolgen, - es ist der Ruf, mit dem Jesus ihn einst berufen hat, es ist jetzt ein erneuter Ruf in die Nachfolge, die aber nun deutlicher sichtbar wird als Nachfolge ins Leiden. Und dieser Ruf erfordert jetzt eine neue Antwort.

Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Das ist der Preis, sagt Jesus. Viel spüre ich davon nicht. Andere spüren mehr, unsere Geschwister aus dem Iran etwa waren da dichter dran, ohne Sicherheitsabstand – und ein Blick auf die Weltverfolgungskarte draußen macht das schnell deutlich, wie's anderswo auf der Welt aussieht. Aber so lange ist das noch nicht her, dass der Preis der Nachfolge auch bei uns hoch war. Dass Jesus seine Jünger vorwarnt, scheint übrigens nicht viel zu nützen, auf den Ernstfall kann man sich wohl aus der Distanz heraus nicht wirklich vorbereiten.

Und doch sollen wir das wissen, für eine realistische Gewinn- und Verlustrechnung unseres Lebens: Der Weg der Nachfolge, auf dem kannst du alles verlieren. Aber dieser Weg, der hat auch eine Verheißung, während der sichere Weg am Ende ins Leere führt: „Wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden? Denn was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“

Die ganze Welt gewinnen. Gewinnmaximierung, das ist ja offenbar das große Thema unserer Zeit: Überall geht's ums Geld, geht's darum, möglichst viel zu verdienen, Gewinn zu machen. Und was dann, - fragt Jesus. Was hast du erreicht, wenn du die ganze Welt gewinnst, und deine Seele, dich selbst verlierst? Denn all das, was du zusammenraffen kannst, wird nicht reichen, um dich bei Gott freizukaufen von deiner Schuld.

Aber das musst du auch nicht, - ich habe es längst getan. Darum: „Folgt mir nach. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.“ Amen.