8.2.2015 - Sexagesimae - 2. Korinther 12,1-10 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext 8. Februar 2015, Sexagesimae Gö/Volk: 2. Korinther (11,18.23b-30)12,1-10 (Perikopenentwurf)

12, 1 Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2 Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3 Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –,
4 der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5 Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
6 Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
7 Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
8 Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.

Liebe Gemeinde!

Wann ist ein Mann ein Mann?“ - fragte Herbert Grönemeyer einst, - und antwortete: „Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark, Männer können alles, Männer kriegen 'n Herzinfarkt. Männer sind einsame Streiter, müssen durch jede Wand, müssen immer weiter.“ - Und er schloss augenzwinkernd: „Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich.“

Wenn wir eine Anschauung vom antiken Männerbild bekommen wollen, müssen wir nur im Museum Statuen aus der Zeit anschauen: Schöne Männer mit wohlgeformten, durchtrainierten Körpern sehen wir da dargestellt, - die Disziplin und Kraft ausstrahlen: Männer sind furchtbar stark!

Für das öffentliche Auftraten war das von großer Bedeutung. So konnte man Menschen gewinnen: durch ein beeindruckendes Erscheinungsbild, durch eine überzeugende Redekunst. Oder durch heldenhafte Taten.

Doch all das hatte Paulus nicht zu bieten. Die Galater erinnert er einmal daran, dass er als schwacher, kranker Mann zu ihnen kam bei ihrer ersten Begegnung. Den Thessalonichern hatte er das Evangelium verkündigt, als er offenbar noch deutlich die Spuren der Misshandlungen in Philippi an sich trug. Und hier, im 2. Korintherbrief, erzählt er davon, dass er mehrfach im Gefängnis gesessen hat, erzählt von Todesnöten, Geißelhieben, Stockschlägen und Steinigungen, die er als Bote des Evangeliums erlitten hat.

In seinen Briefen sei er stark, sagte man ihm nach, im persönlichen Auftreten dagegen schwach. Das alles sprach eher gegen ihn, - nein, es sprach vor allem gegen seine Botschaft, - denn den Wert einer Botschaft meinte man offenbar am Auftreten des Boten ablesen zu können. Je glänzender das Erscheinungsbild des Boten, je geschliffener seine Rhetorik und je beeindruckender seine Heldentaten, desto eher war man geneigt, ihm die Botschaft abzunehmen. Und gerade in Korinth stand Paulus da in einer harten Konkurrenz.

Daher erklärt sich dieses seltsame „Gerühmt muss werden“ - das Paulus nun aber gleich relativiert, indem er anfügt: „auch wenn es nichts nützt.“ Gerühmt muss werden, - offenbar, weil ihr es nicht anders wollt. – Also: Was habe ich, womit ich euch beeindrucken könnte?! Ich will euch erzählen von den „Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.“ Mal sehen, ob euch das beeindruckt.

Und dann erzählt Paulus, - merkwürdig distanziert, - als sei das gar nicht er selbst gewesen, der das erlebt hat: „Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel. Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann. Für denselben will ich mich rühmen.“

Der dritte Himmel, - und das Paradies – wo mag das sein? Unser Gesangbuch bietet einen Wegweiser: „Also wird Gott erlösen uns gar von aller Not, vom Teufel, allem Bösen, von Trübsal, Angst und Spott, von Trauern, Weh und Klagen, von Krankheit, Schmerz und Leid, von Schwermut, Sorg und Zagen, von aller bösen Zeit.
Er wird uns fröhlich leiten ins ewig Paradeis, die Hochzeit zu bereiten zu seinem Lob und Preis. Da wird sein Freud und Wonne in rechter Lieb und Treu aus Gottes Schatz und Bronne und täglich werden neu.“1 - Wir würden noch etliche weitere Liedverse finden, - eine genaue Wegbeschreibung geben sie allesamt nicht, aber sie zeigen: Das Paradies ist der Sehnsuchtsort, - das Ziel, das, was wir erhoffen oder erträumen, die ewige, himmlische Freude. - Paulus war also schon da, - auf seiner Himmelsreise, - hat schon mal einen Blick hineinwerfen dürfen. Schön für ihn, eine ganz außergewöhnliche spirituelle Erfahrung, um die man den Apostel beneiden könnte - aber irgendwie scheint ihm das gar nicht so wichtig. „Für den Menschen, der das erlebt hat – will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.“

Schon seltsam, wie Paulus seine Prioritäten setzt: Wir setzen auf unsere Stärken, er rühmt sich seiner Schwachheit. Seltsam ist das aber nur auf den ersten Blick, - bei näherem Nachdenken wird das durchaus plausibel: „Wenn ich mich rühmen wollte, würde ich durchaus die Wahrheit sagen. Ich lass das aber lieber, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.“ - Und dann erzählt er aus seinem Leben – eine Geschichte, die wir vielleicht als die größte Enttäuschung verbuchen würden, die man erleben kann. Denn Paulus erzählt davon, dass er ein kranker Mann ist, - dass er Gott um Heilung gebeten, ja regelrecht angefleht hat. Und nicht geheilt wurde. - Was für einen Enttäuschung: Gott hat sein Gebet nicht erhört. Dabei könnte er ihm doch so viel besser, so viel überzeugender dienen, wenn er nicht ständig mit dieser Krankheit zu kämpfen hätte. Wenn er von einer göttlichen Heilung erzählen könnte.

Wir erfahren nicht, was für eine Krankheit das gewesen ist. Manche denken an epileptische Anfälle, andere an Gallenkoliken. Das spielt aber keine Rolle, - wichtiger ist, wie Paulus selbst diese Krankheit deutet. Er schreibt: „Damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.“

Des Satans Engel schlägt ihn mit Fäusten, - eine ziemlich mysteriöse, unheimliche Beschreibung. Und auf jeden Fall klingt das ziemlich unangenehm. Noch dazu, wenn Paulus sich nun also damit abfinden muss, dass er nicht geheilt wird. Aber er fragt nicht hadernd nach dem „Warum“, - sondern nach dem „Wozu“ - und sieht sich nicht etwa schutzlos den Fäusten des Teufels ausgeliefert, sondern auch jetzt noch in der Hand Gottes, ja er sieht das geradezu als Gottes Antwort auf seine ekstatische Paradieserfahrung: So sorgt Gott dafür, dass ich auf meinen Himmelsreisen nicht abhebe, - dass mein Glaube schön geerdet bleibt. „Dreimal habe ich zum Herrn gefleht, dass dieses Leiden von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne.“

Als Martin Luther 1522 auf der Wartburg untergebracht war, kam es in Wittenberg zu heftigen Unruhen. Andreas Karlstadt wollte in Wittenberg die reformatorischen Ideen radikal und wenn nötig mit Gewalt umsetzen. Als Luther davon hörte, eilte er nach Wittenberg und hielt vom 9.-16. März 1522 seine berühmten Invokavitpredigten, - allesamt unter dem Motto „Non vi, sed verbo“ - „nicht durch Gewalt, sondern durch das Wort“. So sollte seine Reformation sich durchsetzen, nicht gewaltsam und erzwungen, sondern indem das Wort selbst die Menschen überzeugte.

Was Paulus beschreibt, folgt genau dem gleichen Gedanken: Es geht nicht um mich, um meine Person, mein Auftreten, - es geht nicht um meine geistlichen Höhenflüge, meine tollen Erlebnisse, meine Kraft und meine Stärken, - sondern es geht um das Wort, um die Botschaft. Nicht ich will euch überzeugen, sondern die Botschaft will es, Gott selbst will es. Nicht mir sollt ihr folgen, sondern ihm.

Paulus hat das am eigenen Leib mühsam lernen müssen: Er selbst gehörte ja zu denen, die es mit dem Gesetz ganz ernst nahmen, aber damit eben auch zu denen, die ganz viel auf die eigene Kraft, die eigene Leistung bauten, - er war stolz auf das, was er vorzuweisen hatte, vor Menschen und vor Gott. Und musste lernen, dass es nicht auf seine Leistung ankam, sondern auf Gottes Gnade, auf Christus. Nicht Leistung, sondern Gnade. Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Tatsächlich ist dies ja der Kern der Botschaft, das Evangelium auf den Punkt gebracht: Dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist. Genau das sehen wir ja am Kreuz. Da ist Christus schwach, geschlagen, zur Strecke gebracht und vernichtet, wie es scheint. Und Gottes Kraft ist doch am Werk, - zu unserm Heil. Christus gibt sein Leben, zur Erlösung für viele. Und nun wirbt er um uns, - no vi, sed verbo. Amen.

1Herzlich tut mich erfreuen, ELKG 311