1.2.2015 - Septuagesimae - Matthäus 9,9-13 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext 1.Februar 2015, Septuagesimae Gö: Matthäus 9,9-13
9 Und als Jesus von Kapernaum wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.
10 Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern.
11 Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?
12 Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.
13 Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

Liebe Gemeinde!
Er war schon lange in seiner Firma. Fast von ihrer Gründung an. Als er dazu stieß, war er noch ein junger Mann, ohne Berufserfahrung. Er hatte einen guten Abschluss, - sein Chef suchte junge, ehrgeizige Leute, die was erreichen wollen, - so waren sie ins Geschäft gekommen. Er hatte mitgeholfen, die Firma aufzubauen, sie groß zu machen. Hatte seine Ideen eingebracht, - und sich langsam hochgearbeitet. Er verdiente nicht schlecht, - und bei den Mitarbeitern war er beliebt, - zumindest anerkannt. Er war zuverlässig und gerecht – und wusste genau, was er wollte. Die Firma stand gut da, - die zurückliegenden, schwierigen Jahre hatten ihr nichts anhaben können.
Doch eines Morgens fand der Chef seine Kündigung auf dem Schreibtisch. Ohne Vorwarnung. Ohne Begründung. Und ohne „wenn und aber“.

In der Kantine war sein plötzlicher Abgang Tagesgespräch. Was steckte wohl dahinter? Was war passiert? War er abgeworben worden? Hatte er eine bessere Stelle gefunden? Niemand wusste etwas, - auch der Chef nicht. Auch er hatte keine Erklärung für diesen gänzlich unerwarteten Schritt. Und er konnte auch nichts drüber sagen, was ihr ehemaliger Kollege künftig machen wolle.

Matthäus, der Zöllner, war kein Angestellter. Er war selbstständig, so würde man das heute wohl nennen, ein selbstständiger Kleinunternehmer. Das Recht, Steuern oder Zoll einzutreiben, hatte er sich gekauft, - aber ganz frei war er auch nicht, - er handelte im Auftrag der römischen Besatzungsmacht, - und an die musste er seine Einnahmen abführen, jedenfalls einen Teil davon, - den Rest behielt er für sich. Und daran verdiente er nicht schlecht. Allerdings auf moralisch fragwürdige Weise, immer stand der Verdacht des Betrugs im Raum. Doch von heute auf morgen, nein: von einem Moment auf den anderen gibt er diesen Job auf, - und ist weg. Einfach weg. Diesem Schritt war kein langer Beratungsprozess vorausgegangen. - Aber was dann? Wir wissen es nicht wirklich. Was wir erfahren ist, - dass eines Tages Jesus an seine Mautstation kommt, - ihn anspricht: „Folge mir!“ - Und er daraufhin alles stehen und liegen lässt und Jesus nachfolgt. Matthäus beginnt ein neues Leben, er wird einer seiner Jünger. Von einem Moment auf den anderen. Und das wirft Fragen auf. Zum einen mal die, - warum Jesus ihn angesprochen hat. Was Jesus in ihm gesehen hat. Warum Jesus ihn, ausgerechnet ihn berufen hat. Das fragen sich auch die, die das ganze mit kritischen Blicken verfolgen.
Aber auch nach der anderen Seite hin bleibt das im guten Sinne frag-würdig: Was hat ihn, den Zöllner Matthäus, bewogen, seinen einträglichen Job aufzugeben, und einen Weg zu gehen, der keinerlei Sicherheiten bot, kein geregeltes Leben, keinen Wohlstand. Welche Vision seines zukünftigen Lebens mag er in diesem Moment gehabt haben? Wir erfahren es nicht. Wir können nur spekulieren.

Immerhin, das können wir, - und an der Stelle lohnt es sich auch, - wenn wir denn mal für einen Augenblick unterstellen, dass es ja auch heute möglich sein könnte, von einem Moment auf den nächsten sein Leben komplett zu ändern. Dieser Gedanke führt uns zu aufregenden Fragen an uns selbst: Was müsste passieren, damit ich von heute auf morgen ein neues Leben beginne, - oder: Was in meinem Leben, so wie es jetzt ist, jeden Tag, was würde ich gern hinter mir lassen, - was würde ich gern abstreifen und zurücklassen, so wie eine Schlange ihre alte Haut, die sie abstreifen muss, um wachsen zu können - oder wie der Krebs sein Gehäuse, aus dem er herausgewachsen ist. Und was hindert mich daran, das zu tun?

Über die Beweggründe des Zöllners Matthäus erfahren wir – wie gesagt – nichts. Vielleicht liegt es daran, dass er tatsächlich, wie immer wieder mal vermutet, der Verfasser des Evangeliums ist, - und sich hier ganz und gar zurücknimmt, - weil es nicht um ihn gehen soll, sondern um Jesus.
Immerhin vermitteln die Evangelien ein ganz gutes Bild darüber, wie ein Zöllner von seinen Mitmenschen angesehen und beurteilt wurde. Immer wieder werden ja – wie auch hier – die Zöllner in einem Atemzug mit den „Sündern“ genannt, - Zöllner waren in den Augen ihrer anständigen Zeitgenossen Abschaum, hart gesagt: der letzte Dreck. Sie waren verachtet, gemieden, Leute, um die man am besten einen großen Bogen machte, Leute, die durch ihr eigenes Tun sich ganz an den Rand der Gesellschaft gestellt hatten, die von den Menschen und von Gott nichts Gutes zu erwarten hatten – und von denen man auch nichts Gutes erwartete. Ein Zöllner hatte einen Weg gewählt, der ihm zwar Wohlstand, - aber kein Ansehen einbrachte, - keine Anerkennung und keine Liebe. Und wenn mir das von meinen Mitmenschen täglich und immer gespiegelt wird, als das Bild, das sie von mir haben, dann wird das irgendwann auch das Bild bestimmen, das ich selber von mir habe. - Und dann wird mein Leben leer und grau.

Matthäus könnte also für die - durchaus ja nicht neue - Erkenntnis stehen, dass Geld allein nicht glücklich macht, - dass zu einem erfüllten Leben mehr gehört als ein gutes Einkommen, - dass letztlich wohl jeder Mensch sich danach sehnt, geliebt zu werden. Und dass in jedem von uns – doch, das glaube ich – eine Sehnsucht danach wohnt, etwas Gutes, Sinnvolles, etwas Wertvolles mit dem eigenen Leben anzufangen. Das alles – wenn wir es ihm als Motiv unterstellen wollen – wäre noch nicht wirklich neu, noch nichts besonderes eigentlich. Besonders ist wohl eher, dass er den Mut hat, den nötigen Schritt auch wirklich zu tun. Und er tut ihn, ohne zu zögern, ohne wenn und aber: „Jesus sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.“ Die wohl kürzeste Berufungsgeschichte der ganzen Bibel. So kurz wohl auch deshalb, weil der Fokus eigentlich nicht auf Matthäus liegen soll, der bisher im Mittelpunkt meiner Überlegungen stand, sondern auf Jesus. Der gerät nun in der Tat ins Blickfeld, - und zwar ins Blickfeld der Pharisäer, - die mit kritischen Augen beobachten, wie nicht nur der eine Zöllner sich Jesus anschließt, - sondern eine ganze Schar von Zöllnern und Sündern sich in seiner Nähe tummelt. Einem Mann Gottes, der Jesus ja sein wollte, stand das doch wohl nicht gut an, sich mit einer solch moralisch fragwürdigen Gesellschaft zu umgeben.

So fragen sie also zunächst die Jünger: „Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Warum gibt er sich mit solchen Leuten ab?“ Jesus, der das mitbekommt, reagiert mit einer dreifachen Antwort. Die erste klingt nach einer Allerweltsweisheit: „Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken.“ Das ist ja mal logisch: Wenn ich gesund bin, geh ich nicht zum Arzt. Den brauche ich, wenn ich krank bin.

Mit den Konfirmanden unserer Bezirkskonfirmandenfreizeit letzte Woche waren wir – wie immer, wenn es um das Thema Diakonie geht – bei der Lobetalarbeit in Celle. Das ist eine große Einrichtung der Diakonie, die Menschen mit Behinderungen begleitet und fördert. Der Besuch dort ist immer eine sehr eindrückliche Erfahrung, - und hat mir wieder einmal bewusst gemacht: Es ist überhaupt nicht selbstverständlich und schon gar nicht mein Verdienst, wenn ich gesund und ohne Behinderung auf die Welt komme. Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, wenn ich mein Leben führen kann, ohne auf fremde Hilfe angewiesen zu sein.

Wir klagen ja manchmal, dass die Menschen, wenn es ihnen gut geht, so wenig nach Gott fragen. Jesus geht damit ganz entspannt um: Die Starken, die Gesunden, brauchen keinen Arzt. Ihnen kann man wünschen, dass sie dankbar und fröhlich ihr Leben leben. Gleichzeitig hat aber niemand lebenslange Gesundheit für sich gepachtet. Wer heute stark und gesund ist, kann morgen schon zu den Kranken gehören, die sehr wohl einen Arzt brauchen. - Die Pharisäer, so könnte man das dann deuten, brauchen seine Zuwendung nicht. Sie können für sich selber sorgen. Aber die, die am Boden liegen, die aus dem Leben gefallen sind, die ganz unten sind, ungeliebt, verachtet, ausgeschlossen, - um die kümmere ich mich. Deshalb bin ich nicht bei den Frommen, sondern bei Zöllnern und Sündern. Denn auch sie sind Gottes geliebte Kinder, und das sollen sie wissen und spüren.

Der zweite Teil der Antwort ist ein Auftrag: „Geht und lernt“! Und dann verweiset Jesus sie auf ihre eigene Tradition, auf etwas, das sie wohl vergessen oder übersehen haben, was sie aber bei Amos nachlesen können. Da spricht Gott zu Leuten, die liturgisch korrekte Gottesdienste feiern, es aber an der Liebe fehlen lassen: »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Wie steht es also um eure Barmherzigkeit, - so seine Anfrage an die Frommen und Selbstgerechten.

Und schließlich: „Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Keiner soll verloren gehen. Sie, die Frommen, haben einen Teil ihrer Mitmenschen abgeschrieben, - „Mit denen wollen wir nichts zu tun haben, und Gott erst recht nicht.“ - Aber Gott ist ganz anders, sagt Jesus, und lebt es: Gott schreibt keinen ab. Gerade den Verlorenen geht er nach. Die, nach denen keiner fragt, die sucht er. Die will er retten. Dazu ist Jesus gekommen. Das ist seine Mission: Zu suchen und zu retten, was ohne ihn verloren ist. Amen.