25.1.2015 - Letzter So.n.Epiphanias - Matthäus 17,1-9 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext Letzter So.n.Epiphanias: Matthäus 17,1-9
1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.
2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht.
3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.
4 Petrus aber fing an und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.
5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!
6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und erschraken sehr.
7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht!
8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

 

Liebe Gemeinde!

Ach, könnte es doch immer so sein wie heute, sagte sie, nach dem Gottesdienst mit Bläsern und Chor, bei dem die Kirche brechend voll war.

Ach, könnte es doch immer so sein wie dort, seufzte er, - heimgekehrt von der Jugendfreizeit in Südfrankreich – nach dem ersten Gottesdienst in seiner Heimatgemeinde, der so gaaaanz anders war.

Schade, dass die Zeit so schnell verflogen ist, - und schade, dass der Alltag mich nun gleich wieder im Griff haben wird, bedauerte sein Pastor, nachdem er ein paar Tage als Gast der Communität auf dem fränkischen Schwanberg verbringen durfte – und nun wieder zuhause war.

Bergmomente, - aus dem eher grauen Alltag herausragende geistliche Erlebnisse, - Augenblicke, Stunden oder Tage, in denen man sich Gott besonders nah fühlt. Sie tun dem Glauben einfach gut, - erhebende Momente sind das, - so wie der Sonntag uns gut tut als Tag, der aus dem Alltäglichen herausragt, - und dazu sogar von unserer Verfassung geschützt ist: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Dass der Sonntag – und vor allem der Gottesdienst dieser seelischen Erhebung auch wirklich dient, bleibt zu hoffen.

Nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg.“ - Von vornherein ist es eine Ausnahmesituation, denn es betrifft nicht alle Jünger, sondern nur den engsten Kreis, Petrus, Jakobus und Johannes, - das sind eben die, die Jesus wenig später auch bitten wird, seine schwerste Stunde mit ihm zu teilen, sein Ringen im Garten Gethsemane.

Neben die Bergmomente treten also die Talmomente, die, von denen wir sagen können: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal“. Dieses finstere Tal wirft hier seine Schatten schon bedrohlich voraus, denn gerade vorher hatte Jesus das angekündigt, „wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen.“ Dieser dunkle Moment steckt ihnen jetzt sicher noch in den Knochen, der Schrecken, den das bei ihnen ausgelöst hatte, - und nicht nur die beunruhigende Ankündigung ihres Freundes, sondern auch, wie Petrus daraufhin mit ihm aneinander geraten war. Der war ganz außer sich: „Gott bewahre dich, Herr! Das widerfahre dir nur nicht!“ Worauf Jesus sehr brüsk und verärgert geantwortet hatte: „Weg von mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“

Dieser Streit war noch keine Woche her. Und nun also dieser ganz besondere Bergmoment. Diese Auszeichnung für Petrus, Jakobus und Johannes, - dass sie Zeugen dieses besonderen Momentes werden dürfen.

Vielleicht denken wir, dass die Menschen der Bibel ständig, immer und überall diese besondere Nähe Gottes erlebt hätten. Tatsächlich aber sind solche Bergmomente auch in der Bibel eher die Ausnahme. Moses fällt einem da ein, der brennende Dornbusch bei seiner Berufung, - die Szene, wie er die Gebote bekommt, - und dann sein Ende, - als er in das gelobte Land hineinblicken darf, - das er aber nicht betreten wird.

Jesaja könnte man nennen, seine Berufung im Tempel. Vielleicht noch Jakob und die Himmelsleiter. Und Elia, - als er Gott in der „Stimme verschwebenden Schweigens“ findet, wie Martin Buber das übersetzt. Der eine oder andere mag uns bei längerem Nachdenken noch einfallen, aber das sind aufs Ganze gesehen doch Ausnahmesituationen, Höhepunkte des Glaubens, ganz besondere, seltene Momente der Erfahrung von Gottesnähe. Während der Alltag oft sehr viel trister ausgesehen haben wird, - Gott manchmal sogar als fern und abwesend erlebt und erlitten wurde: Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne1. - HERR, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?2 - HERR, wie lange willst du mich so ganz vergessen? Wie lange verbirgst du dein Antlitz vor mir?3

Aber manchmal eben, manchmal brechen wir auf, bricht etwas auf, bricht durch ins Licht, manchmal erleben wir sie, diese lichten Momente, diese Gipfelerfahrungen eines seligen, wenn auch vorübergehenden Entnommenseins aus den Niederungen und Trübungen des Alltags, diese Erfahrungen einer beseelten Erhebung, in denen die Schwergewichte der Welt von uns abfallen. Momente vielleicht sogar, die einen neuen Anfang setzen, die scheiden zwischen Vorher und Nachher, Orte, von denen man anders zurückkehrt, als man aufgebrochen war. - Um diese Momente soll es nun zunächst gehen.

Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht“, - heißt es von dem Bergmoment, den Petrus, Jakobus und Johannes nun also erleben dürfen. Sie sehen Jesus ganz anders, ganz verändert. Nur einen kurzen Augenblick lang sehen sie ihn, wie er ist, - in göttlichem Glanz. „Sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht“, - so beschreibt Johannes in der Offenbarung den Anblick Gottes. Die drei Jünger erleben für einen Moment einen vergleichbaren Blick hinter den Vorhang, - nicht den Menschen Jesus sehen sie, der mit staubigen und schmutzigen Füßen als ihr Lehrer, Vorbild und Freund mit ihnen durchs Land zieht, - der sich die Finger schmutzig macht in seiner Zuwendung zu den Ausgestoßenen und Kranken, und der wenig später halb totgeprügelt zur Hinrichtung geführt wird.

Sondern sie sehen den ewigen Gottessohn, - im Glanz der ewigen Herrlichkeit. Sie bekommen für einen Moment den Durchblick, schauen hindurch durch die alltägliche, armselige Wirklichkeit hinein ins Reich Gottes. Und wie wichtig ist ein solcher Blick. Wie wichtig ist es, dass wir – gelegentlich wenigstens – einmal Zeit finden oder besser: uns Zeit nehmen – unser Leben und unsere Welt anzusehen mit so einem Blick, der hindurchsieht durch das Vordergründige, hinter den Vorhang des scheinbar Unabänderlichen; der nicht stehen bleibt bei dem schlichten: Es ist, wie es ist! - und sich die Frage erlaubt: Ist das wirklich so? Ist das wirklich alles, - oder gibt es hinter dem angeblich Alternativlosen, Faktischen, das mich in seinen Fängen hält, nicht noch eine andere Wirklichkeit? Ist das Leben, das ich lebe, das, was Gott für mich und mit mir vorhat? Ich brauche solche Momente, solche Auszeiten, und wenn es auch nur kleine sind, wie der Sonntag, um mein Leben auf Kurs zu halten, um nicht zum Getriebenen zu werden.

Was mögen die drei Jünger wohl mitgenommen haben von diesem Moment, - mitgenommen von diesem Glanz in die Nacht im Garten Gethsemane, in diese ganz furchtbar dunkle Stunde. Werden sie sich erinnert haben an diesen hellen Moment des göttlichen Glanzes auf dem, der da nun mit sich und Gott ringt? Ich kann es mir nicht anders vorstellen, - und sei es auch nur so, dass sie verzweifelt versucht haben, das eine mit dem anderen irgendwie zusammenzusetzen.
Und wenn wir schon beim Fragen sind: Was mögen Mose und Elia mit Jesus beredet haben? Jene beiden Männer, die Gott sehen durften, wenn auch verhüllt. Das wüssten wir wohl sehr gerne. Was bei diesem Gipfeltreffen besprochen wurde. Wird Mose ihm gesagt haben: „Mich hat Gott einst auch in eine völlig unmögliche Mission hineinberufen. Mit dem Herrscher Ägyptens sollte ich mich anlegen. In die Freiheit sollte ich das versklavte Volk führen, ins verheißene Land, mitten durch die Wüste, aber das alles war viel zu schwer, viel zu groß für mich. Gelitten habe ich an diesem Auftrag, aufgerieben habe ich mich, und immer wieder bin ich auch gescheitert, denn es ist dem Volk – und auch mir selbst – immer wieder so schwer gefallen, Vertrauen zu haben zu ihm – und doch hat Gott immer wieder einen Ausweg gezeigt.“

Und Elia. Was hatte er wohl zu erzählen? „Auch ich habe für Gott gekämpft, habe sein Volk zum Glauben an ihn gerufen, - weg von den fremden Göttern. Doch ich bin gescheitert. Ich habe es mit Gewalt versucht, mit dem Schwert. Doch die Herzen habe ich so nicht gewonnen. Gott ist ganz anders, das musste ich erst lernen.“

Gern hätten die Jünger diesen Moment festgehalten. Hütten bauen wollten sie, damit alles so bleiben kann. Doch daraus wird nichts. Dieses Gipfelerlebnis ist nicht für die Dauer bestimmt. Noch ganz mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, hören sie Gottes Stimme: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ - Und sahen niemanden als Jesus allein.

Alsbald wird ihr Weg sie wieder hinabführen in die Niederungen des Alltags, in die Auseinandersetzungen einer zerstrittenen und heillosen und oft auch hilflosen Welt. Und das darf auch so sein. Wichtig sind – auch für uns – die kleinen Auszeiten, die Orientierung geben. Doch gelebt werden will der Glaube im Alltag. Dort sollen wir Salz und Licht sein. In den kehren wir zurück, und gebe es Gott – dass wir anders aus der Begegnung mit ihm zurückkehren, als wir aufgebrochen waren. Amen.

1Ps 22

2Ps 10

3Ps 13