4.1.2015 - Epiphanias - Matthäus 2,1-12 PDF  | Drucken |  E-Mail

Predigttext 4.1.2015 (Epiphanias)(Gö): Matthäus 2,1-12

1 Als Jesus geboren war in Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen:
2 Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenland und sind gekommen, ihn anzubeten.
3 Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem,
4 und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte.
5 Und sie sagten ihm: In Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Micha 5,1):
6 »Und du, Bethlehem im jüdischen Lande, bist keineswegs die kleinste unter den Städten in Juda; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«
7 Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre,
8 und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr's findet, so sagt mir's wieder, dass auch ich komme und es anbete.
9 Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war.
10 Als sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut
11 und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.
12 Und Gott befahl ihnen im Traum, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren; und sie zogen auf einem andern Weg wieder in ihr Land.

Liebe Gemeinde!
„Was bisher geschah ..“ - so fängt man üblicherweise wohl eine neue Episode in einer Fortsetzungsgeschichte an. Und dann folgt eine kurze Rückblende auf die wichtigsten Momente der vorangegangenen Folgen, die wesentlichen Teile der Geschichte im Schnelldurchlauf, gewissermaßen. Damit der Zuschauer einordnen kann, was passiert. Damit er versteht, was jetzt in der neuen Folge kommt. Denn ohne die Vorgeschichte bleibt die einzelne Episode rätselhaft und unverständlich.

Auch Matthäus beginnt sein Evangelium mit so einem „was bisher geschah“. Nur dass wir das auf den ersten Blick nicht sofort begreifen. Er beginnt sein Evangelium ja mit dem Stammbaum Jesu. Greift also weit zurück in die Geschichte, fängt an bei Abraham und landet schließlich bei Joseph, dem Mann der Maria, von der geboren ist Jesus, der da heißt Christus.

Dieser Stammbaum ist für den Leser zunächst mal irritierend und lästig. Lauter Namen, viele davon hat man womöglich noch nie gehört. Und wer nun wen zeugte – tja, ist das eigentlich so wichtig? Es ist, - nicht in jedem Fall vielleicht, aber es tauchen da doch ein paar ganz interessante Namen auf, - und Matthäus findet in diesem Stammbaum auch eine bemerkenswerte Gliederung der Geschichte des Gottesvolkes: „Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder.“

Ein paar Namen springen ins Auge: Ruth etwa, eine der ganz wenigen Frauen, die in diesem Stammbaum ausdrücklich genannt werden. Davids Urgroßmutter, - keine Frau aus dem jüdischen Volk, - sondern eine aus der Heidenwelt.

Oder eben David: Aber es ist wohl gar nicht so sehr seine politische Größe, an die hier erinnert werden soll, - sondern eher dies, dass er zum König gesalbt wurde, als er noch ein Kind war, - für seinen Vater Isai kam er damals als Kandidat für dieses Amt überhaupt nicht in Frage, - darum hat er ihn beim Casting glatt unterschlagen. Und dass „die Frau des Uria“ ausdrücklich erwähnt wird, soll offensichtlich an seine große Schuld erinnern – und daran, dass Gott auch auf mächtig krummen Linien gerade schreiben kann. Vielleicht ist an ihm auch dies bemerkenswert, dass er zum König gesalbt wurde, als Saul noch König war, noch während ein König regiert, ist die Herrschaft also insgeheim längst auf einen anderen übergegangen. - Das könnte dem Herodes ganz besondere Kopfschmerzen bereitet haben. Diese heimliche Salbung zum König passierte damals übrigens in Bethlehem, und dass die Hohenpriester und Schriftgelehrten, die Herodes um Rat fragt, ausgerechnet Micha 5, die Weissagung auf Bethlehem zitieren, wird auch nicht gerade zu seiner Beruhigung beigetragen haben: „Bethlehem, aus dir wird kommen der Herrscher, der mein Volk weiden soll.“

Um nicht zu lange bei diesem Stammbaum zu verweilen, der ja heute nicht das Thema ist: eigentlich ist der gar nicht so langweilig, wie es auf den ersten Blick aussieht, vielmehr ist er eine Einladung zum Erzählen, all die vielen Geschichten, die sich hinter den einzelnen Namen verbergen, - und ich habe den Verdacht: Es sind gar nicht die Geschichten dieser Menschen, sondern die Art und Weise, wie Gott an und mit diesen Menschen gehandelt hat. Denn da ergeben sich gewisse Muster, die immer wieder auftauchen, z.B., dass Gott durch das scheinbar Unbedeutende wirkt und seinen Plan zum Ziel bringt.

Vor allem aber zeigt der Stammbaum: Mit der Geschichte „des Jesus, der da heißt Christus“, beginnt nicht wirklich etwas Neues, - sondern es wird eine ganz alte Geschichte nur weiter geschrieben. Und das vermeintlich Neue, das versteht nicht, wer diese Vorgeschichte ignoriert.

So sind wir nun also (endlich) bei den Heiligen drei Königen, deren Reliquien im Kölner Dom verehrt werden. Und werden einige Mühe aufbringen müssen, um uns aus dem Reich der Legenden zum Kern ihrer Geschichte hindurchzuarbeiten.

Weise“ werden sie in der Lutherbibel genannt, oft ist auch von Magiern die Rede, - aber da denken wir womöglich eher an David Copperfield oder andere Zauberkünstler. „magoi“ steht da im Griechischen, - was man wohl am Besten mit „Sterndeuter“ übersetzt, - einer der Ausleger schlägt vor, sie als Diplomaten oder Abgesandte eines fernen Königshofes zu betrachten, - hohe Beamte gewissermaßen, Berater am Hofe des babylonischen Königs. Sie kommen also eben daher, wohin das Volk Israel viele Generationen zuvor ins Exil weggeführt worden war, wo es lange gelebt und gelitten hat. Die politische Selbstbestimmung war verloren, doch der Glaube erlebte eine Blütezeit im Nachdenken über Gott und sein Heil.

Ironie des Schicksals: Eben jene Großmacht, die Israel einst in die babylonische Gefangenschaft genommen hatte, kommt nun in Gestalt dieser Diplomaten, um dem neugeborenen König der Juden seine Aufwartung zu machen. Die Geschichte dreht sich um, und wendet sich radikal zum Guten.

Staatsbesuche werden im Alten Orient immer von Geschenken begleitet, und so kommen auch sie nicht mit leeren Händen. Nicht als Eroberer kommen sie, eher als Pilger. Sie wollen keine Beute machen, sondern bringen Geschenke mit, es ist eine leise, ganz schwache Andeutung dessen, was im Alten Testament als „Völkerwallfahrt zum Zion“ beschrieben wird: „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.“1 Herodes erscheint demgegenüber wie das Urbild aller Machthaber, deren Zeit abgelaufen ist.

Um noch einmal zu den Linien zurückzukommen, die aus dem Alten Testament ins Neue hinein ausgezogen werden: Da wäre schließlich von den Träumen zu reden. „Träume sind Schäume“ - behauptet der Volksmund, nicht ganz zu Unrecht, denn ihre Deutung ist ein weites Feld, das wenig verlässlichen Grund bietet, - wie ein Gang übers Moor, so mag es einem vorkommen, wenn man ihnen folgt. Auch in der Bibel werden sie zumeist kritisch gesehen. Die falschen Propheten verkünden ihre Träume, anstelle der verlässlichen Offenbarung Gottes, - lautet immer wieder der Vorwurf.

Doch Träume sind es auch, die den einen Joseph mit dem anderen verbinden. Immer wieder spielen Träume und ihre (verlässliche, weil von Gott gegebene) Deutung auf dem verschlungenen Lebensweg des alttestamentlichen Joseph eine wichtige Rolle, - Träume sind hier gewissermaßen die Weise, wie Gott dessen Lebensweg lenkt. Und auch bei dem anderen, dem neutestamentlichen Joseph, spielen Träume eine wichtige Rolle, - drängt Gott ihn doch im Traum, Maria, seine schwangere Frau nicht zu verlassen, sondern zu ihr zu stehen. Ein Traum ist es, der schließlich dafür sorgt, dass die Familie sich rechtzeitig nach Ägypten absetzen kann, um so der Verfolgung des Herodes zu entgehen. (Ägypten, auch so ein symbolträchtiges Ding in der Geschichte Israels: Ort des Schutzes und der Sklaverei, - Feindesland, und zugleich Zufluchtsstätte. Der alttestamentliche Joseph rettet seine Familie, indem er sie nach Ägypten holt, - doch später wird Ägypten ihr Gefängnis. Der neutestamentliche Joseph bringt seine Familie dorthin in Sicherheit, - doch auf Dauer bleiben werden sie dort auch nicht.)

Ein Traum ist es schließlich, der die orientalischen Abgesandten davor warnt, nach Jerusalem – zu Herodes – zurückzukehren, - und so ziehen sie auf einem anderen Weg zurück in ihre Heimat. - Wie wir mit unseren Träumen umgehen, bleibt demnach eine offene Frage: Sind sie nur Gespenster, die des Nachts aus unserem Unterbewussten aufsteigen? Sind sie kleine Helferlein, die – während wir schlafen – das bearbeiten, wozu wir tagsüber nicht fähig waren? Oder spricht in ihnen Gott zu uns? Eine eindeutige Antwort darauf gibt es wohl nicht.

Was bleibt, - ist die ganz leise Weisheit dieser Geschichte: Dass die Weisen dem Stern folgen, dass sie sich auf die Suche machen nach dem Weg, den Gott sie führen will. Dass sie das Heil schließlich finden, aber nicht dort, wo sie es vermuten, - nicht im religiösen und politischen Machtzentrum Jerusalem, - sondern in der kleinen Stadt Bethlehem. Nicht im Offensichtlichen ist Gott zu finden, nicht im Zentrum irdischer Macht. Jesus selbst folgt dieser Spur: er wird den Weg der Machtlosigkeit gehen und so scheinbar scheitern. Aber gerade darin wird er am Ende siegen. Das Niederfallen vor ihm ist die Rollenanweisung, die diese Geschichte für die Mächtigen auf Erden bereithält. Amen.

1Jesaja 2